28. Januar, Spanien (3)

Ich erwachte in den Geräuschen eines schweren Gewitters. Der Regen peitschte von außen gegen das Zelt und der Donner krachte so unwahrscheinlich laut, als stünde der Sturm direkt über dem Hügel, als schwebe das Zentrum dieser Gewalt nur wenige Meter über unseren Köpfen. Mit klopfendem Herzen lag ich in der Dunkelheit, einer wirklich eindeutigen Dunkelheit, dickflüssig und träge, während sich das Unwetter wie ein Wahnsinniger gegen die Außenhaut unseres Zeltes warf. Mit jeder neuen Böe glaubte ich, die Zeltplane werde zerreißen oder zumindest die Ankerhaken, mit denen ich das Zelt auf dem Hügel befestigt hatte, würden aus dem Boden gehebelt werden. Noch nie hatte ich mich der Natur derart ausgeliefert gefühlt, wobei die undurchdringliche Dunkelheit meine Angst noch steigerte.

Bist du wach?, fragte ich in den Lärm des Gewitters hinein. Na klar, erwiderte Simon. Das ist ja wirklich ein ganz unglaublicher Sturm. Hält das Zelt das aus? Diesen Sturm, meine ich. Ich denke schon, erwiderte er, ohne sonderlich überzeugt zu klingen. Draußen rannte eine weitere Böe mit aller Gewalt gegen unser Zelt. Es tat einen heftigen Schlag, der irgendwie metallisch klang, fast blechern. Die Außenhaut des Zelts entspannte sich für eine Sekunde, nur um im gleichen Augenblick von einem weiteren Windstoß erfasst zu werden. Alles hörte sich an, als existierte zwischen uns und dem Unwetter keine Grenze, kein scheidender Bereich. Wir lagen mitten im Sturm.

Vielleicht sollten wir runter ins Dorf, sagte ich und fühlte meine Panik immer heller in mir werden. Der Donner hörte sich jetzt noch gefährlicher an. Ins Dorf?, fragte Simon. Wie sollen wir in der Dunkelheit den Weg finden? Aber was ist, wenn der Blitz hier oben einschlägt?, gab ich zurück. Wir sind hier schließlich auf einem Hügel. Das ist doch ganz egal, erwiderte Simon bestimmt. Sind dir nicht die riesigen Bäume aufgefallen? Wenn der Blitz tatsächlich einschlagen sollte, trifft es die Bäume zuerst und wir sind in Sicherheit. Es sei denn natürlich, so eine Mittelmeertanne fällt direkt auf unser Zelt, wandte ich ein. Dann ist es auch egal, erwiderte Simon.

An Schlaf war nicht mehr zu denken. Das Gewitter wütete unverändert draußen weiter. Meine Angst nahm nicht ab, aber ich begann mich ein wenig an die Situation zu gewöhnen. Mit jeder verstreichenden Minute, die unseren plötzlichen Tod auf diesem malerischen südfranzösischen Hügel hinausschob, trat das krachende Unwetter stückweise in den Hintergrund. Die Gewohnheit schlug auch an dieser Stelle gnadenlos zu. Gedankengänge wurden wieder möglich, meine Panik allerdings kehrte unter jedem neuerlichen Donnerschlag mit aller Macht zurück.

Simon bewegte sich unruhig neben mir in seinem Schlafsack. Was machst du?, wollte ich wissen. Ich suche nach unserer Scheißtaschenlampe, was denn sonst?, sagte er. Wo hast du das Ding hingelegt? Ich habe die Lampe doch gar nicht gehabt, antwortete ich. Na klar, sagte er, du warst doch gestern nochmal zum Pinkeln damit draußen. 

Da fiel es mir wieder ein. Ich erinnerte mich an den hellen, kreisrunden Ausschnitt, der das wilde Gras des Hügels stellenweise erleuchtete, aber wo ich die Taschenlampe nach meiner Rückkehr ins Zelt wieder abgelegt hatte, wollte mir einfach nicht einfallen. Ich tastete neben meinem Schlafsack herum, bekam aber nichts zwischen die Finger. Simon schien dasselbe zu tun. Ich hörte in den kurzen Pausen, in denen Sturm und Donner so taten, als beruhigten sie sich, seine Hände auf dem knisternden Kunststoffboden.

Scheiße!, rief er plötzlich. Ich schreckte auf, saß mit einem Mal kerzengerade im Zelt. Was ist los?, rief ich. Hier ist alles nass!, erwiderte Simon aufgeregt. Der ganze Kackboden ist nass! In mir überschlugen sich die Bilder. Ich sah uns kopflos in das Gewitter laufen, völlig durchnässt den Hügel hinunterrennen, unsere Klamotten und die Rucksäcke irgendwo in der Nacht verstreut. Alles war eine einzige Katastrophe, wer rechnete in Südfrankreich schon mit einem solchen Jahrhundertsturm! 

Ich dachte, dein Zelt ist wasserdicht, rief ich zurück. War es auch, sagte Simon fieberhaft und rutschte zu mir herüber. Ist dein Schlafsack nass?, wollte ich in der Hoffnung wissen, alles wäre vielleicht nur halb so schlimm. Ich glaube, mein ganzer Arsch ist nass!, rief er entgeistert. Dein Arsch?, fragte ich perplex und begann meinen eigenen Schlafsack fahrig abzutasten. Warum hast du das nicht früher bemerkt?, schob ich nach. Das Wasser breitet sich hier gerade erst aus, antwortete Simon. Wir haben ein verdammtes Leck!

Fast zeitgleich befreiten wir uns von den Schlafsäcken und tasteten im Zelt nach der Taschenlampe. Es dauerte eine ganze Weile, dann aber fand ich sie endlich am Boden meines Rucksacks, ohne zu begreifen, welche absurde Abfolge ganz haltloser Zufälle sie ausgerechnet in diesen Winkel getragen hatte.

Ich schaltete die Lampe an und leuchtete in Simons Richtung. Er kniete mitten im Zelt, der Schlafsack war ihm bis zur Hüfte gerutscht und sein nackter Oberkörper verwandelte sich in einen hellen, fast weißlichen Fleck. Mit den Händen tastete er weiter den Boden ab, um gleichzeitig zentimeterweise in meine Richtung zu rutschen. Ich assistierte ihm mit der Taschenlampe, wies sozusagen den Weg.

Während wir das Leck im Zelt suchten, um Simons Schlafsack mit unseren Handtüchern trocken zu legen, tobte draußen der Sturm mit unverminderter Kraft. Irgendwann aber ließ der Regen langsam nach. Die heftige Gischt, die vom Wind gegen unser Zelt gespült wurde, verwandelte sich in ein erschöpftes Tröpfeln und auch die Ruhepausen zwischen den einzelnen Windstößen dehnten sich irgendwann aus. Nach etwa zwanzig Minuten machte sich draußen nur noch hin und wieder eine Böe bemerkbar, die in die Wipfel der Bäume fuhr, ansonsten aber legten sich Sturm und Gewitter und die Stille kehrte zurück. Eine Stille, die immer unter allem Chaos wie ein unbeweglicher Grund existierte.

Als wir am nächsten Tag unser Zelt verließen, wirkte der Hügel merkwürdigerweise unverändert. Nirgends war auch nur das kleinste Zeichen des Unwetters zu erkennen, bis auf das Gras vielleicht, das an einigen Stellen etwas eingedrückt wirkte und die Nässe selbst, die in Tropfen an den Nadelspitzen der Bäume hing und auf der Wiese ringsum. Die bereits hochstehende Sonne brach sich in diesen Tropfen und lag als silberne Folie auf dem glänzenden nassen Gras. Wir begutachteten unser Zelt, das frisch gewaschen und nicht einmal ansatzweise beschädigt auf dem Hügel stand und so wirkte, als hätte es die vergangene Nacht überhaupt nicht gegeben.

Wahrscheinlich war die Wassersäule einfach zu hoch, sagte Simon fachmännisch, während er sich um den Morgenkaffee kümmerte. Die Wassersäule?, wollte ich wissen. Die Stärke des Regens sozusagen, erklärte er. Ich bin mir nicht sicher, wie viel Niederschlag das Zelt überhaupt aushalten kann. Das war ja ein fast schon irrealer Wolkenbruch.

Ich stimmte zu, suchte aus meinem Rucksack einen Pullover hervor, der sich klamm anfühlte und zog ihn schaudernd an. Dann lief ich über den Hügel durch das plattgedrückte, feuchte Gras bis zum Abhang und sah hinunter in das Dorf. Die ockerfarbenen Häuser standen wie eine Schafherde dicht zusammengerückt und das aus roten Schindeln zusammengesetzte Dächermeer strahlte im Licht. Auf der Gasse, die ich von hier oben aus in den Blick bekam, zeigte sich kein Mensch, der Ort schien noch zu schlafen. Nur die in der Sonne trocknenden Überbleibsel des nächtlichen Regens erinnerten mich als dunkle Silhouetten an zweidimensionale Spaziergänger.

Am Nachmittag brachen wir auf und fuhren mit dem Bus zurück in Richtung Küste. Wir hielten in einer kleinen Stadt am Mittelmeer, die nur aus einigen, um eine Bucht herum verteilten Häusern bestand. 

Vielleicht sind wir in einem Fischerdorf gelandet, sagte ich und Simon stimmte mir zu. Ein paar Felsen ragten bis ins Meer hinein und es gab einen echten Sandstrand, den ersten auf unserer Reise. Einige verstreute Boote leuchteten blau und rot im hinteren Teil der Bucht. Man hatte sie weit bis auf den Strand gezogen, um sie vor dem ausgreifenden Meer, wie ich annahm, zu schützen.

Wir liefen durch den Ort, trafen aber nur selten auf Bewohner, die uns darüber hinaus meist ignorierten, als hätten sie für Touristen absolut nichts übrig. Eine Betontreppe führte von der Straße hinab zum Strand, der für einige hundert Meter der Bucht in einem sanften Halbkreis folgte. Von weitem konnte ich einige Leute im Wasser erkennen, doch der wirklich schöne Strandabschnitt, den wir durch Zufall gefunden hatten, war ansonsten ganz leer.

Hier könnten wir doch eine Weile bleiben, sagte Simon, der sich ebenso wie ich selbst über das Ausbleiben der Touristen wunderte. Wir besorgten uns Kekse und Bier in einem Kiosk, der so etwas wie den Dorfladen darstellte, lächelten in das freundliche Gesicht einer braun gebrannten älteren Frau, die sich nur müde für uns interessierte und stattdessen mit verträumten Augen durch die offene Tür nach draußen sah, als würde sie dort auf der Straße ein verschollenes Kind erwarten oder die Rückkehr einer alten, halb vergessenen Liebe. Zurück am Strand tranken wir das erste Bier und ich fühlte mich plötzlich ausgezeichnet nach dem Chaos der Nacht, ganz ausgezeichnet sogar. Ich griff nach den Keksen und spülte sie mit dem Bier herunter und dann aß ich einfach weiter, mit einem Mal befriedigt und irgendwie wach, sehr wach sogar, als hätte mich das Unwetter aufgerüttelt, was mir gleichzeitig ein wenig merkwürdig erschien, denn warum ausgerechnet sollte mich dieser Sturm geweckt haben, da gab es doch keinen wirklichen Zusammenhang.

Mit der einsetzenden Dämmerung trafen junge Leute an unserem Strandabschnitt ein, zuerst zwei Mädchen, die an ihren gigantischen Rucksäcken schon von Weitem zu erkennen waren und dann eine Gruppe Jugendlicher, die wahrscheinlich aus dem Ort stammte und sich gegen Abend, wenn die Temperaturen ein wenig milder wurden, in Richtung Strand getraute.

Die Jugendlichen lärmten herum. Sie stießen einander ins Meer, rannten wie angestochen durch die sanften Wellen und bespritzten sich johlend mit Wasser. Sie grölten auch ganz ausgezeichnet auf Französisch, so dass es durch die gesamte Bucht hallte und natürlich verstand ich kein einziges Wort.

Die beiden Mädchen hatten in der Zwischenzeit in unserer Nähe ihr Zelt aufgebaut (unseres stand da bereits) und betrachteten die Jugendlichen aus der Entfernung. Sie mussten in unserem Alter sein, nahm ich an, achtzehn oder neunzehn und die Jugendlichen, die jetzt im Meer badeten, waren nicht älter als sechzehn, vielleicht sogar noch jünger, was natürlich einen riesigen Unterschied ausmachte. Halbe Kinder, sagte ich mir, sie gingen noch zur Schule, büffelten, erledigten irgendwelche Hausaufgaben und trauten sich an die Mädchen nicht ran, während die Mädchen sich sicher schon heran trauten, die waren schließlich stets ein bisschen weiter, aus welchen Gründen auch immer. Simon und ich hingegen, wir waren achtzehn und neunzehn Jahre alt und hatten die Schule bereits verlassen. Wir standen im Leben, ja, das ließ sich wirklich nicht anders beschreiben, wir hatten so vieles vor, wir fingen gerade erst an, wir machten uns auf den Weg und eine Reise und jetzt plötzlich hatte es uns also hier an einen französischen Mittelmeerstrand gespült. Wir hörten die Rufe der pubertierenden Kinder und sahen dabei hin und wieder auf diese beiden Mädchen in unserem Alter, die ab und zu auch zu uns hinüber sahen. Die Kinder im Meer hatten ja keinerlei Ahnung.

Sollen wir sie ansprechen?, fragte Simon, der sein zweites Bier bereits zur Hälfte geleert hatte. Ich bin mir nicht so ganz sicher, erwiderte ich. Sind das Franzosen? Woher soll ich das wissen?, antwortete er. Vielleicht sind es ja Schweizer? Schweizer?, gab ich zurück. Warum denn ausgerechnet Schweizer? Keine Ahnung!, rief Simon genervt.

Ich trank einen Schluck aus meinem Bier und fühlte meine Nervosität in Blasen in mir aufsteigen. Die Luft bahnte sich einen Weg in meinem Inneren und zappelte aufgeregt an meiner Magenwand entlang, die sich dadurch ein wenig zusammenkrampfte. Ich schluckte und fühlte den Schweiß auf meiner Stirn. 

Lass uns zu ihnen gehen, sagte Simon, der jetzt nur noch ein einziges Ziel vor Augen hatte. Ich wusste, dass keines meiner Worte ihn am Fleck halten würde. Er hatte sich in einen Windhund verwandelt und witterte eine Chance. 

Sollten wir nicht erst einmal unser Bier austrinken?, gab ich dennoch zu bedenken, um etwas Zeit zu schinden. Aber Simon schüttelte nur seinen Kopf und setzte sich in Bewegung. Mit letzter Kraft durchbrach auch ich die Starre meines Körpers und folgte meinem Freund.

Simon stellte uns den beiden zuerst auf Englisch, dann auf Französisch vor, doch noch mitten im Satz unterbrach ihn eines der Mädchen, das Jana hieß, und fragte, ob wir zufällig Deutsche wären. Ja natürlich!, rief Simon ganz begeistert, als hätten wir auf einem verlassenen Planeten gerade die einzigen Überlebenden getroffen. Natürlich, wir kommen doch auch aus Deutschland, wir sind doch auch auf einer Reise wie ihr! Die Mädchen lachten, ganz angesteckt von Simons sich überschlagender Euphorie. 

Jana war eindeutig die schönere der beiden. Sie hatte lange braune Haare, die sich über ihrem Nacken in Locken verwandelten, war schlank und braun gebrannt und trug ein weißes Oberteil mit schmalen Trägern. Mit verschränkten Armen stand sie vor uns und sah in Richtung Meer, während sie ihrer Freundin Maria das Reden überließ. Maria hing zu diesem Zeitpunkt bereits an Simons Lippen und hatte offensichtlich tiefstes Vertrauen gefasst.

Klasse, dachte ich, jetzt stehst du hier wieder als Anhängsel herum. Ich trank einen Schluck Bier und lauerte auf eine Gesprächspause, in die ich mich möglichst gelassen einschalten würde, ganz abgeklärt und desinteressiert, aber doch auf einmal vollkommen da und nicht zu ignorieren.

Die Mädchen begannen von ihrer Interrail-Reise zu erzählen. Sie waren schon durch ganz Südfrankreich gefahren und wollten jetzt nach Spanien und von Spanien aus mit einer Fähre nach Marokko übersetzen. 

Marokko?, sagte ich begeistert. Das ist ja total irre! Jana funkelte mich eigenartig an. Was soll denn daran so irre sein?, fragte sie kühl. Ich meine ja nur, stammelte ich mit hochrotem Kopf, dass sich das super anhört. Eine Reise nach Marokko eben.

Meine Bemerkung glitt an ihr ab und noch im selben Augenblick versiegte in mir der Wunsch, über Canettis Stimmen von Marrakesh zu sprechen und damit so etwas wie eine Literaturunterhaltung anzufangen, die mich in ein besseres Licht rücken musste. Aber daran war nach dieser ersten Abfuhr natürlich nicht mehr zu denken. Ich hielt die Bierdose zitternd an meine Lippen und betete in Richtung Himmel, die Röte auf meinem Gesicht möge schnellstens unbemerkt verschwinden.

Simon und Maria unterhielten sich noch immer miteinander und auch Jana versuchte gerade wieder in die Unterhaltung einzusteigen, als ein Schrei aus Richtung des Meeres das Gespräch unterbrach. Die Stimmung der Jugendlichen erreichte gerade so etwas wie einen Höhepunkt, die Lautstärke ihrer Rufe hatte kontinuierlich zugenommen und jetzt lärmte die Gruppe im Wasser herum und schrie sich von Gelächter unterbrochen wildgeworden an.

Was dort wohl los ist?, fragte Simon. Jemand hat einem anderen in den Schwanz getreten, antwortete Jana. Und der beschwert sich jetzt. Wir sahen einander ungläubig an, um dann in lautes Lachen auszubrechen.

Jana und Maria hatten vor kurzem in Bayern ihr Fremdsprachenabitur in Französisch und Englisch hinter sich gebracht und begannen ein wenig zu erzählen, während wir die letzten Bierdosen untereinander verteilten. Hinter dem Meer ging die Sonne langsam unter, der Himmel färbte sich blau und orange und gelb, er lief knapp über dem Horizont auch ins Rot. Kurz bevor die Sonne das Wasser berührte, das sich da bereits in eine ganz dunkle, nahezu schwarze Fläche verwandelt hatte, zog Jana ein Buch aus ihrem Rucksack. Sie las gerade Dostojevski in französischer Übersetzung, um sich damit auf das Komparatistikstudium vorzubereiten, das sie nach der Reise in München beginnen würde und ich konnte einfach nicht fassen, wie jemand, der ja so alt war ich, nicht nur Dostojevski las, an den ich mich damals nur voller Ehrfurcht heran traute, sondern ihn auch noch auf Französisch zu lesen verstand. 

Unglaublich!, dachte ich. Ich habe mich drei Monate durch das Original von Brave New World gequält und nur die Hälfte verstanden und hier sitzt mir ein wunderschönes Mädchen gegenüber, das Dostojevski auf Französisch lesen kann! Ich war vollkommen hin und weg.

Während wir uns weiter unterhielten, leerten wir unser Bier und meine Betrunkenheit nahm langsam zu. Simon leistete glücklicherweise den Großteil der Gesprächsarbeit und ich saß einfach neben ihm im Sand wie angespültes Treibholz und betrachtete das Meer, aus dem die Jugendlichen bereits vor einer ganzen Weile verschwunden waren. Als Maria schließlich erklärte, sie sei von der Busfahrt noch etwas müde und würde gern schon ins Zelt zum Schlafen gehen, überfiel unseren kleinen Kreis ein merkwürdiges Schweigen, das mir damals melancholisch erschien, ein fast schon melodramatisches Schweigen, in dem sich unsere Sehnsüchte und Erwartungen mit der Wirklichkeit vermischten, mit unserer Müdigkeit, mit dem Tag. 

Jana schien mir in diesem Augenblick unerreichbar. Sie interessierte sich für Simon, zeigte ihre Zuneigung aber nicht offen. Von mir blieb sie getrennt und der nahende Abschied – schließlich würden wir die Reise in entgegengesetzte Richtungen fortsetzen – stellte diese Trennung noch weiter aus. Wie merkwürdig die zufälligen Bekanntschaften am Ende doch blieben. Ich witterte damals hinter jeder Ecke eine Begegnung, die mein Leben verändern musste, ich lauerte wie ein Herzkranker auf die Ankunft der großen Liebe und hier, an diesem Strand, tauchte eine solche Möglichkeit mit Jana und Maria plötzlich auf, nur um sich im Handumdrehen in eine Unmöglichkeit zu verwandeln. In eine zufällige Begegnung, die man bald schon wieder vergaß, die das Leben davon tragen und unter sich begraben würde, bis bloß verschwommene Bilder übrig blieben, rund und weich wie Kiesel, deren ursprüngliche Gestalt die Arbeit des Meeres gelöscht hatte. Was blieb von diesem Abend wohl übrig? Nur die Sehnsucht vielleicht, die nicht einmal ausschließlich mit Jana und Maria, sondern mit unserer Jugend und dem Leben, auf das wir warteten, zusammenhing. Eine unbeschreibliche Sehnsucht, die auf das Größte wartete, um vom Kleinen enttäuscht zu werden. Eine Sehnsucht, die weder Fokus noch Gleichmaß besaß und deshalb unermesslich war, sagenhaft, wunderbar pathetisch.

Wir schliefen lang und wurden am nächsten Morgen von Geräuschen in unserer Nähe geweckt. Als wir das Zelt verließen, hatten Jana und Maria bereits zusammengepackt und saßen auf ihren Rucksäcken. Wir wollten uns noch von euch verabschieden, bevor wir weiterfahren, erklärten sie.

Simon und ich stammelten eine unverständliche Antwort zusammen, beide geblendet von der strahlenden Sonne und den Mädchen, die mir an diesem Morgen ganz anders erschienen als noch in der zurückliegenden Nacht. Eigentlich sah ich Jana erst richtig in diesem Morgenlicht. Sie wirkte unnahbar, trug wunderbare Kleider, ein paar Turnschuhe, eine weite Leinenhose und ein T-Shirt und wirkte so selbstsicher, dass ich mich in meiner deplatzierten Tropenmontur am liebsten versteckt hätte. Jana bewegte sich durch den Tag, als sei das Leben ihr eigentliches Element, während ich unbeholfen nach einem Zugang suchte, um mich in lächerlichen Rollen zu verlieren. Als wir uns schließlich voneinander verabschiedet hatten und die Mädchen verschwunden waren, musste ich Simon nur einen kurzen Blick zuwerfen, um zu verstehen, dass auch wir die Bucht noch am gleichen Tag verlassen würden.