25. Januar, Spanien (2)

Noch am gleichen Tag landeten wir in Portbou, einer kleiner Küstenstadt am Mittelmeer. Wir liefen durch die schmalen Gassen, folgten einer Allee mit knochigen alten Bäumen, die nicht sehr hoch gewachsen waren, dafür aber einen schattigen Tunnel bildeten und trafen zum zweiten Mal auf die auf ihren Bänken sitzenden Alten. Der Ort wirkte entspannt, auch wenn es überall Touristen gab, es wehte ein leichter Wind und das Meer tauchte immer wieder unerwartet hinter den Gebäuden am Ende der Straßen auf, ein blaues Gebiet im Hintergrund, das unbeweglich in der Nachmittagssonne lag, als würde es unter einem groben Tuch stecken, unter einer schweren Plane.

Wir liefen hinunter zum Strand, der sich als steiniger Bereich entpuppte und folgten der Küste, um etwas Abstand zwischen uns und den Ort zu bringen. Mit der einsetzenden Dämmerung schlugen wir unser Zelt auf. Der Strandabschnitt, an dem wir uns befanden, lag verlassen und wir waren allein. Nur die Brandung des Meeres blieb in ihrem verlässlichen Rhythmus zu hören, ein Hintergrundrauschen, das, je länger man darauf achtete, bald schon nicht mehr mit dem Wasser zusammenzuhängen schien, sondern mit der Nacht, mit dem Himmel, mit der Landschaft ringsum. Die Wellen brachen sich und spülten über den Kies mit rasselnden, knisternden Lauten und je dunkler der Himmel wurde, um so kräftiger wurden auch die Wellen, bis es mir vorkam, als knüpften sich die Geräusche an die Dunkelheit selbst, als bestünde hier eine unsichtbare Verbindung.

Am Morgen weckten uns Stimmen ganz in der Nähe. Ich sah Simon unschlüssig an, ob wir das Zelt verlassen sollten, um damit möglicherweise einem Dorfpolizisten in die Arme zu laufen. So weit wir wussten, war das Wildzelten in Spanien verboten, aber darum kümmerten wir uns nicht. In solchen kleinen Übertritten bestand ja schließlich das Abenteuer und außerdem wollten wir das wenige Geld, das wir besaßen, auch nicht für irgendwelche Hostelzimmer verschwenden.

Simon öffnete schließlich den Reißverschluss und wir krochen aus der verbrauchten Nachtluft ins Freie. Die Sonne stand blendend am Himmel, so dass ich meine Hände erst einmal schützend vor die Augen legen musste. Die aufziehende Mittagshitze machte sich bereits bemerkbar und der Wechsel zwischen unserem stickigen Zelt und der warmen Morgenluft fühlte sich eigenartig an. Ich begann sofort zu schwitzen und wollte nichts anderes, als hinunter ins Meer, von dem die Stimmen zu uns drangen. Der Strand fiel sanft zum Wasser hin ab und der Übergang zwischen Strand und Meer ließ sich von unserem Standpunkt aus nicht erkennen.

Ich stellte unseren Campingkocher auf eine kleine Erhöhung aus aufgeschichteten Kieseln und bereitete den Kaffee vor (die natürlich völlig überteuerten Gaskartuschen hatten wir uns mit knirschenden Zähnen in Figueres zugelegt). Als das Wasser zu köcheln begann, kamen die Stimmen näher, Gelächter, kurze Sätze, Rufe auf Französisch. Eine kleine Gruppe von jungen Leuten tauchte langsam auf, dunkle Schatten, die sich aus dem Licht schälten, allmählich an Größe gewannen, erst Köpfe, dann nackte Schultern und Arme, schließlich ganze Körper. Als die Gruppe uns entdeckte, verlangsamte sie ihren Schritt, die Stimmen setzten kurz aus, um sich aber gleich wieder, wenn auch ein wenig gedämpfter, bemerkbar zu machen und obwohl die kleine Gruppe nun nicht mehr ganz so überschwänglich in unsere Richtung lief, hallte doch noch immer die Euphorie ihrer Rufe nach, so eine richtige Morgeneuphorie, die mit dem kühlen Meer in Verbindung stand und natürlich auch mit dem Leben und dieser eigenartigen Unbeschwertheit, die es in einigen Augenblicken besaß, eine richtige Schwerelosigkeit, um die ich andere häufig beneidete, weil sie mir manchmal so schön und gleichzeitig so unerreichbar erschien.

Die Gruppe bestand aus vier Leuten, zwei Männern und zwei Frauen, alle in unserem Alter. Sie bewegten sich auf einen größeren Felsen zu, auf dem ich jetzt zwei Handtücher im Licht bemerkte und ein paar Rucksäcke und Klamottenbündel an der Flanke des Felsens im Schatten. Wahrscheinlich hatte die Gruppe bei ihrer Ankunft unser Zelt zwar entdeckt, sich aber nicht weiter darum gekümmert. Sicher stammten sie hier aus der Gegend, dachte ich und waren an Touristen gewöhnt.

Nachdem die Gruppe sich abgetrocknet hatte, legte sie sich in die Sonne und setzte ihr Gespräch weiter fort. Simon und ich tranken unseren Kaffee und taten dabei so, als würden wir die anderen nicht bemerken, um doch unablässig in Richtung der Mädchen zu sehen. Immer im Wechsel sah ich zum Meer, das sanft im Licht glitzerte und dann wieder hinüber zu den Mädchen in ihren Badeanzügen, die sich in der Sonne ausstreckten und keinen müden Gedanken an mich und Simon verschwendeten.

Wir wollten noch heute über die nah gelegene Grenze nach Frankreich aufbrechen und begannen bald, unser Zelt abzubauen und unsere Sachen zu packen, während wir weiter an unserem Instantkaffee nippten. Als ich mein T-Shirt auszog, um hinunter in Richtung Meer zu laufen, löste sich ein Pärchen aus der Gruppe und kam auf uns zu. Schnell zog ich mich wieder an, um dabei so zu tun, als wäre der Ausziehvorgang ein Versehen gewesen, als hätte ich irgendetwas vergessen.

Simon knüpfte ganz ungezwungen ein Gespräch mit den beiden an. Sie wollten wissen, woher wir kamen und wie lange wir in Portbou blieben. Simon sprach viel besser Französisch als ich und deshalb hielt ich mich im Hintergrund, wobei mir mein Schweigen mit jeder verstreichenden Minute immer heftiger zusetzte. Was mochte das Pärchen von mir denken, von diesem stillen Deutschen mit rotem Kopf, der sich sichtlich unwohl fühlte? Ich betrachtete die beiden Franzosen aufmerksam, zwei geradezu beleidigende Schönheiten, die sich vollkommen selbstsicher bewegten, um doch ohne jeden überheblichen Zug mit Simon zu sprechen. Keine Scheu lag auf ihren makellosen Gesichtern, keine Schüchternheit ließ sich an ihnen ausmachen. Er war groß und durchtrainiert, mit kurzen schwarzen Locken und einem dunklen Bart und sie war schlank und hatte ein weiches Gesicht und hohen Wangenknochen, blonden Dreadlocks und einem Ring in der Nase. Mit ihren perfekten Körpern gehörten sie auf ebenso perfekte Weise zueinander und machten mich in ihrer selbstgewissen Ruhe unendlich nervös. Sowohl ihre Schönheit als auch ihre Ruhe schienen unerreichbar, regelrecht beneidenswert.

Warum hast du nichts gesagt?, fragte Simon, als das Pärchen schließlich wieder verschwunden war. Was hätte ich denn sagen sollen?, fragte ich ihn. Er schüttelte seinen Kopf und pfiff leise vor sich hin, um sich weiter an seinem Rucksack zu schaffen machen. Du könntest ruhig ein wenig sozialer agieren, sagte er dann. Ich meine, wir sind doch schließlich alle gehemmt, da nützt es doch nichts, so eine Globalschüchternheit zu kultivieren! Die waren einfach zu schön, gab ich zurück. Zu schön? Bist du völlig bescheuert? Wir sehen doch auch nicht gerade schlecht aus, möchte ich meinen. Ich deutete auf unsere Multifunktionshosen und schmächtigen Oberkörper. Aber Simon, der schon damals mit seinem kantigen Intellektuellenschädel und dem breiten Kinn die Frauen auf seiner Seite hatte, wollte davon nichts wissen. Jetzt komm schon, sagte er, mach dich endlich locker, wir befinden uns hier auf einer Entdeckungsreise, da ist jede Schüchternheit verboten!

Wir brachten an diesem Tag die französische Grenze hinter uns und landeten in Perpignan. Auf der Suche nach einem Schlafplatz klopften wir irrigerweise an eine kleine Kirche, konnten uns dem völlig entgeisterten Pfarrer aber überhaupt nicht verständlich machen, der, zumindest glaubte ich das an seinen Zügen abzulesen, von einer Art fremdländischen Überfall ausging und nur wild mit den Armen fuchtelte, als versuche er ein paar Motten zu verscheuchen. Anschließend irrten wir noch eine ganze Zeit durch die Stadt in der Hoffnung, vielleicht in einem Park unser Zelt aufschlagen zu können, aber das war ganz unmöglich. Zu viele Leute liefen bis spät in die Nacht durch die Gegend, in den Parks herrschte sommerliche Ausgehstimmung und anstatt eine geschützte Ecke zu finden, liefen wir bloß lärmenden, meist betrunkenen Gruppen in die Arme. Am Ende machten wir auf einer Bank halt, aber da brach der Morgen bereits an. Wahrscheinlich schliefen wir in dieser Nacht nicht mehr als zwei oder drei Stunden.

Mittlerweile war ich mit Simon seit gut einer Woche unterwegs. Wir hatten das meiste Geld für Zugtickets ausgegeben und beschlossen nach einem neuerlichen Kassensturz, die Reise von jetzt an anders anzugehen. Deshalb fuhren wir am nächsten Morgen mit dem Bus zum Stadtrand von Perpignan, folgten noch ein Stück der Landstraße und hielten die Faust mit dem nach oben gestreckten Zeigefinger in den südfranzösischen Wind.

Ich glaube, in diesem Moment zum ersten Mal unser Unterwegssein begriffen zu haben, als wäre mein Empfinden die ganze Zeit lang unserer Reisebewegung hinterher gelaufen, ohne zu ihr aufzuschließen. Erst in der Nachahmung dieser merkwürdigen Geste, die wir ja nur aus Filmen kannten und aus Büchern, die uns eigentlich auch ganz fremd war und Überwindung kostete, fiel ich sozusagen in die Reise hinein. Zum ersten Mal am Straßenrand außerhalb Perpignans tauchte es plötzlich auf, das Abenteuer und ich dachte, ja, verdammt, das ist doch jetzt wirklich wie in On the Road, jetzt besteht ja überhaupt kein Zweifel mehr an uns und unserem Mut, wir fahren per Anhalter durch ein unbekanntes Land!

Es dauerte nicht lang und ein alter VW-Bus hielt am Straßenrand. Wir stiegen ein, Simon hinten und ich vorn auf dem Beifahrersitz. Obwohl ich gar nicht fassen konnte, dass uns jemand nach so kurzer Zeit bereits aufsammelte, schien sich der junge Hippie am Steuer darüber nicht im Ansatz zu wundern. Er mochte Mitte zwanzig sein und nahm offenbar ständig fremde Menschen mit, denn für die ersten Minuten richtete er keine einzige Frage an uns, fast so, als habe er sich an den Wechsel seiner Mitreisenden längst gewöhnt und müsse erst einmal so etwas wie eine unplanmäßige Verspätung aufholen.

Die schnurgerade Straße, der wir eine Zeitlang folgten, verwandelte sich nach und nach in eine weiche Serpentine. Wir krochen langsam einen Hügel hinauf, ich erinnere mich an Nadelbäume links und rechts der Fahrbahn, durch die das Meer hin und wieder blitzte, bin mir aber nicht sicher, ob ich die Erinnerungen möglicherweise durcheinanderbringe. Ließ sich das Mittelmeer von unserem Standort aus überhaupt erkennen?

Wo wollt ihr hin?, fragte uns der Hippie in gebrochenem Englisch. Er war ganz offensichtlich Franzose, legte aber glücklicherweise keinen besonderen Wert darauf, in seiner Landessprache zu kommunizieren. Simon gab ihm zu verstehen, dass er uns in einem der nächsten Dörfer wieder absetzen konnte. Ihr seid einfach so unterwegs?, fragte er. Genau, erwiderte ich. Wir haben eigentlich überhaupt keinen Plan. Sehr gut, sagte er und starrte weiter ausdruckslos wie ein Taxifahrer auf die sich durch den Wald schlängelnde Fahrbahn. Wie heißt ihr eigentlich?, wollte er dann wissen. Wir antworteten ihm und er stellte sich ziemlich abgeklärt als Marcel vor. Die seltsame Gleichgültigkeit, mit der er uns durch die Landschaft transportierte, kam mir eigenartig vor. Für ihn schien diese Fahrt und unsere Anwesenheit derart alltäglich zu sein, dass mir mein inneres Hochgefühl geradezu naiv und übertrieben erschien, der Kontrast zwischen beiden Zuständen war ganz einfach zu groß. Doch irgendwann beachtete ich unseren schweigsamen Fahrer nicht mehr und sah in die Landschaft hinaus.

Und was war das für eine Landschaft! Als wir den Wald hinter uns ließen und wieder langsam hinab in das Tal fuhren, entdeckte ich linker Hand riesige Lavendelfelder, die sich bis zu einer Bergkette im Hintergrund erstreckten. Die Pflanzen überzogen in violetten Wellen die Erde, dazwischen tauchten hin und wieder kleinere Gebäude und Höfe auf, aber die Farben spielten hier ein Rolle, dieses Violett, das ich nur von Abbildungen kannte und das tatsächlich in dieser schneidenden Intensität existierte, gleich hier neben der Straße, auf der wir fuhren. Ich wollte Simon auf die Felder aufmerksam machen, aber der hatte das alles natürlich schon lange entdeckt und staunte ebenso wie ich hinaus. Und während wir uns gar nicht mehr einbekamen, drückte Marcel nur weiter ungerührt auf das Gaspedal. Er kannte diese Landschaft zur Genüge, für ihn befand sich dort draußen weder das Unbekannte noch irgendein Reiz, er sah nur die Straße und daneben gab es eigentlich bloß ein weitläufiges Nichts, einen Bereich, der ihm kaum etwas bedeutete.

Gegen Abend hielten wir in einem kleinen Dorf, dessen Namen ich vergessen habe. Auf den Gassen war niemand zu sehen, nicht einmal ein Tabakgeschäft oder Zeitungsladen hatte noch geöffnet, dafür aber war die Luft frisch und mild und Simon und ich beschlossen, unser Lager außerhalb des Örtchens aufzuschlagen. 

Wir liefen für etwa eine halbe Stunde, folgten bald einem Pfad, der sich als weitaus weniger gefährlich entpuppte als der verminte Feldweg in Spanien, bestiegen kurze Zeit später einen bewaldeten Hügel und kamen schließlich auf einer Lichtung an. Hier ist es doch ganz gut, sagte Simon und ich nickte. Ein paar hohe Bäume gaben uns Schutz, das Dorf lag weiter unten im Tal. Keiner der Bewohner würde uns hier oben entdecken, wir blieben den Blicken entzogen. Während wir das Zelt aufbauten und ich mit dem Metallgestänge hantierte, begann der Wind aufzufrischen. Am Himmel zeigte sich keine Wolke und bald schon ließen sich die Zikaden schwerlich ignorieren, die mit der anbrechenden Dämmerung ihr Zirpen aufnahmen, als folgten sie dem Taktstock eines Dirigenten. Auf diesem Hügel irgendwo in Südfrankreich ist eines der wenigen Fotos entstanden, die ich noch immer von unserer Reise besitze. Ich stehe in der Nähe unseres Zelts mit einer Wasserflasche und schaue seltsam unbeteiligt aus dem Bildausschnitt, fast so, als wüsste ich nicht, dass Simon gerade auf den Auslöser drückt. Mein Gesicht ist nicht gut zu erkennen, aber meine langen Haare lassen sich erahnen. Ich wirke etwas abgespannt und erschöpft und bin erst achtzehn Jahre alt, halb so alt wie heute, was ich kaum glauben kann, was ein ganz eigenartiger Gedanke ist.