24. Januar, Spanien (1)

Vor ziemlich genau achtzehn Jahren war ich mit Simon unterwegs in Spanien auf einer wirklich ersten und echten Reise. Damals bin ich halb so alt wie heute gewesen, Simon nur ein oder zwei Jahre älter und wir machten uns zum ersten Mal allein auf den Weg. Wir hatten uns wie Tropenreisende ausgestattet, sandfarbene Cargohosen, Leinenhemden, schwere Wanderschuhe und natürlich auch eine Art Expeditionshut, wie ihn Archäologen in der Wüste tragen, um eine weitere Mumie aus dem Sand zu ziehen. Doch die Lächerlichkeit unserer Garderobe fiel mir erst später in Spanien und Südfrankreich richtig auf und dann schlagartig, wie eine Explosion.

Wir haben auf dieser Reise, die nur ein paar Wochen dauerte, obwohl wir zu Beginn in Monaten rechneten, das Paradebeispiel jenes Touristen abgegeben, der sich zum ersten Mal vom angestammten Platz bewegt und deshalb vollgepackt ist mit allen möglichen unnützen Utensilien. Selbst von Europa besaßen wir nur einen windschiefen Begriff. Vielleicht sind wir um die Bilder, mit denen wir vor so vielen Jahren hantierten, auch zu beneiden. Hinter unserer längst vergessenen Naivität liegt schließlich eine unbeschreibliche Sehnsucht ebenso greifbar wie jene Kurzsichtigkeit, die man mit achtzehn oder neunzehn Jahren in der vollen Überzeugung besitzt, ziemlich genau über so ziemlich alles Bescheid zu wissen.

Simon wohnte damals noch in Gera, ich aber bereits seit einem halben Jahr in Berlin. Ich hatte die Fristen verpasst, um mich an der Universität einzuschreiben und schlug nun die Zeit tot, fremd und allein in einer viel zu großen Stadt, in der ich immer einsamer wurde. Natürlich haben sich Simon und ich im Hochsommer auf den Weg in Richtung Barcelona gemacht, ohne auch nur einen müden Gedanken an die spanische Hitze zu verschwenden. Die riesigen Reiserucksäcke auf den Rücken kamen wir morgens am Flughafen Schönefeld an und stachen wunderbar aus der Menge heraus in unserer Tropenkluft und den durchgeschwitzten Hemden. Die Leute liefen mit einem wissenden, aber auch irgendwie verständnisvollen Lächeln an uns vorbei.

Als wir die Rucksäcke absetzten, spürte ich meinen zusammengestauchten Rücken und bekam ernste Zweifel, auf welche Weise wir dieses Zwanzigkilogepäck durch ganz Spanien schleppen sollten. Simon ging noch einmal unsere Ausrüstung durch. Zelt für vier Personen? Eingepackt. 35mm-Kamera plus Objektive (Weitwinkel und Tele natürlich, man musste schließlich auf alles vorbereitet sein)? Anwesend. Landkarte in völlig unbrauchbarem Maßstab, um damit zu Fuß durch die Gegend zu marschieren? Ja. Kompass? Vorhanden. Ersatzkartuschen für den Campingkocher? Sogar zwei! Die nette Dame am Schalter machte uns eine halbe Stunde später darauf aufmerksam, leicht entflammbare Materialien seien leider verboten und das nicht erst seit dem elften September. Wir haben die Kartuschen dann vor einem Mülleimer außerhalb des Flughafens abgestellt und die zwanzig Euro verflucht, die auf diese Weise ungenutzt aus unserem Reisebudget verschwanden.

Ich erinnere mich noch gut an die wirklich atemberaubende Hitze in Barcelona. Wir kamen am frühen Nachmittag an und liefen beim Verlassen des Flugzeugs gegen eine Wand aus stickiger Luft. Draußen brannte die Sonne auf die Parkplätze, die Menschen liefen in fließenden Klamotten herum und wir arbeiteten uns als Zinnsoldaten in abwegiger Montur verbissen durch die Menge. Keiner von uns wollte sich zu diesem Zeitpunkt bereits eingestehen, dass wir aussahen wie Idioten und zwar offen und für jeden sichtbar.

In Barcelona verbrachten wir die ersten Nacht im Mehrbettzimmer eines Hostels, die Hände ängstlich an den Brustbeuteln, in denen sich unser gesamtes Geld befand. Da ich meine Wanderstiefel in Deutschland nicht eingelaufen hatte, brannten meine Füße unerträglich, ich konnte sie kaum unter der dünnen Decke halten. Die wenigen Kilometer, die wir durch die Stadt gewandert waren, über La Rambla bis zum Hafen und zurück, hatten bereits ausgereicht, um ein Muster weißlicher Blasen auf meinen Fersen zu hinterlassen. Der kleinste Druck genügte und ich zuckte vor Schmerz zusammen. Glücklicherweise gab es in unserer penibel zusammengestellten Reiseapotheke alle nur erdenklichen Wundpflaster, mit denen ich meine Füße in den nächsten Tagen behandeln sollte.

Bis auf diesen Weg über eine der stark frequentierten Hauptstraßen Barcelonas und den von Touristen und Einheimischen überlaufenen Hafenabschnitt habe ich kaum etwas anderes behalten. Ich erinnere mich an meine Überforderung inmitten der Menschenmenge und der Hitze. Eigentlich wollte ich nach dem Flug und der verspäteten Ankunft im Hostel, das nicht ohne Weiteres zu finden gewesen war, nicht mehr, als mich ausruhen, aber natürlich mussten wir auch etwas von der Stadt sehen, dafür waren wir ja schließlich unterwegs. Wir befanden uns auf einer Reise und auf einer Reise war ein Rückzug in ein Zimmer natürlich völlig unvorstellbar, man musste hinaus, direkt hinein in das Unbekannte. Erschöpft und verloren liefen Simon und ich am Strand entlang und versuchten etwas aufleben zu lassen, das nicht wirklich existierte, eine Art Rausch oder Begeisterung, nun endlich unterwegs zu sein, es hinausgeschafft zu haben aus allem, endlich am Anfang zu stehen, endlich im Fremden zu stecken, wie man es in so vielen Büchern gelesen hatte.

Während unserer ersten Nacht im Hostel machte ich kein Auge zu. Wir kehrten noch vor Sonnenuntergang in das Mehrbettzimmer zurück, ohne uns in eine der zahllosen Bars und Touristenkneipen getraut zu haben, was mir insgeheim als nicht unwesentliche Niederlage erschien. Jetzt kam es doch darauf an, Mut zu haben und Dinge zu tun, die man sonst niemals tat! Doch ebenso sehr freute ich mich auch auf das Bett und jenen Moment, der mich von meinen Stiefeln befreite. Auf unserem Hochbett unterhielten wir uns über das sagenhafte Glück, ein Sechzehnmannzimmer ganz für uns allein zu haben. So was kommt eigentlich niemals vor, sagte Simon, der so tat, als wüsste er darüber ziemlich genau Bescheid. Wahrscheinlich haben wir einfach Glück gehabt, echtes Glück!

Gegen zwei Uhr fiel eine Meute völlig betrunkener Zwanzigjähriger in das Zimmer ein. Das Licht ging plötzlich an, der Schlafsaal lag sofort in tagheller Beleuchtung und grölend machten sich die Betrunkenen über die freien Betten her. Mein erster Griff ging automatisch in Richtung Brustbeutel, noch bevor ich richtig verstand, was um uns herum eigentlich geschah. Erst, als ich mich halbwegs beruhigt hatte, versuchte ich die Sprache zu verstehen, in der die Gruppe sich unterhielt. Es mussten Briten sein, sagte ich mir, gemischt mit Franzosen. Wo zum Teufel hatten sich diese Leute kennengelernt? Als das Licht endlich ausging und die Ruhe zurückkehrte aus ihren Verstecken, fühlte ich mich merkwürdig bedrückt. Während Simon und ich wie Rentner kurz nach Sonnenuntergang bereits in unseren Betten lagen, zogen Leute in unserem Alter durch die Stadt, betranken sich, feierten, führten ein Leben, wie wir es führen wollten. Und kein einziger aus dieser Gruppe sah auch nur ansatzweise wie ein Tropenforscher aus.

Wir brachen früh am nächsten Morgen auf und packten unsere Sachen. Ich schlich schüchtern durch die noch unbelebten Gänge des Hostels in Richtung Bad und fühlte mich eigenartig deplatziert. Alles kostete mich Mut, eine wirklich unsägliche Überwindung, denn auf den Gängen war es natürlich ständig möglich, einem anderen in die Arme zu laufen. Simon schien damit überhaupt kein Problem zu haben, lief mit einem Handtuch bewaffnet einfach los, während mir das Herz bis zum Hals schlug. Ich versuchte mich zu erinnern, wo sich das Bad auf unserer Etage befand, denn schon allein die Vorstellung, über den Flur zu irren und möglicherweise doch jemanden nach dem Abzweig fragen zu müssen, versetzte mich regelrecht in Panik. Ich fühlte mich einfach allem und jedem unterlegen. 

Nur noch raus aus dieser Stadt, sagte ich mir, endlich raus aus Barcelona und von den Leuten und Touristenmassen weg. Raus und rein in diese unbekannte Landschaft, ich will auf selten benutzten, vielleicht sogar noch nie beschrittenen Pfade gehen! 

Wir fuhren mit dem Zug nach Figueres, stiegen aus und spazierten durch das Zentrum der überschaubaren Stadt. Alles wirkte wunderbar gepflegt und sauber, die Alten saßen auf den Bänken und unterhielten sich entspannt, so etwas kannte ich aus Deutschland nicht. In Spanien verbrachten die Mütterchen und Väterchen ihren Mittag im Schatten der Bäume und wechselten ungezwungene Sätze, man traf sich ohne Verabredung, so zumindest schien es mir, die Alten gingen einfach hinaus, um sich ein wenig die Beine zu vertreten und kamen spielend miteinander ins Gespräch. Das Leben fand irgendwie auf der Straße statt und nicht, wie ich es gewohnt war, in Zimmern mit Vorhängen und Gardinen. 

Wir liefen weiter durch die Gassen, um irgendwann an eine Art Burg oder Schloss zu gelangen, vor dessen Eingang sich eine ziemlich umfangreiche Schlange gebildet hatte. Auf dem Dach des Schlosses sah ich riesige goldene Eier, das Gebäude selbst hatte man in einem tiefen Rot gestrichen. Alles wirkte wie ein übertriebener Scherz. Hast du eine Ahnung, was das hier ist?, fragte ich Simon. Er schüttelte seinen Kopf. Ein Museum vielleicht?, gab er zurück. Wir reihten uns in der prallen Hitze ein und kamen nur langsam voran. Erst am Ticketschalter wurde uns klar, wo wir uns befanden. Salvador Dalís Kastell, erklärte Simon, der Malerei studieren wollte, später aber Dramaturg an der Oper geworden ist, ich wusste gar nicht, dass sich das Museum hier in Figueres befindet. 

Für ein oder zwei Stunden liefen wir stumm durch das Gebäude, sahen uns Gemälde und Skulpturen an und im Innenhof eine riesige Installation, in der ein Auto eine Rolle spielte, in dessen Innerem es unablässig regnete. Simon und ich liefen völlig benommen durch das weitläufige Schloss, das Dalí bis in die letzten Winkel mit allem möglichen Krempel vollgestopft hatte. Wie konnte ein einzelner Mensch nur so viel Energie besitzen?, dachte ich, eine solche unvorstellbare Kraft, mit der er jeden Alltagsgegenstand in so etwas wie Kunst verwandelte? Es war ganz unglaublich, auch wenn mir nicht alles gefiel. Einige Sachen machten auf mich weniger den Eindruck von Kunst als einer Laune oder einem Scherz, aber natürlich gestand ich das Simon gegenüber nicht ein. Ich wollte auf keinen Fall den Eindruck erwecken, als verstünde ich nichts von Kunst. Schließlich befanden wir uns ganz eindeutig in einem Museum, es gab somit keinen Zweifel am Status der Gegenstände. Jeder, der sich anders äußerte, fühlte ich damals instinktiv, gestand in gewisser Weise sein Unverständnis ein, seine eigene Kurzsichtigkeit.

Wir gaben unseren Plan, durch halb Spanien zu wandern, ziemlich schnell auf, eigentlich noch in den ersten Tagen unserer Reise und beschlossen stattdessen, mit dem Zug in Richtung der französischen Grenze zu fahren. Ich erinnere mich noch gut an jenen späten Nachmittag, als uns plötzlich aufging, wie undurchführbar unser Vorhaben tatsächlich war. Außerhalb von Figueres (es hatte eine halbe Ewigkeit gedauert, um die äußeren Viertel der Stadt zu Fuß zu erreichen), begannen wir unsere Wanderschaft, liefen an einer Straße entlang und nahmen den ersten sich bietenden Abzweig. Der Feldweg führte in eine Hügellandschaft hinein mit staubbedecktem Gras und Hartlaubgewächsen. Die Natur um uns herum wirkte ausgetrocknet und abweisend, es gab keine Bäume, sondern nur Büsche und Pflanzen am Boden und alles, was am Boden wuchs, wirkte fahl und grau, bedeckt vom Staub des Wegs. Niemand war zu sehen. Die Geräusche der Straße in unserem Rücken ebbten allmählich ab und wir liefen in eine unbestimmte Richtung.

Nach etwa einer Stunde tauchten Schilder am Wegrand auf. Die Piktogramme stellten so etwas wie eine Explosion dar. Um einen schwarzen Kreis herum schossen Splitter in alle möglichen Richtungen. Ich sah Simon an. Was soll das heißen?, fragte ich. Keine Ahnung, erwiderte er, aber gut sieht das nicht aus. 

Unschlüssig, ob wir weiterlaufen sollten, um uns damit der Gefahr auszusetzen, ziemlich dramatisch von einer Mine zerrissen zu werden (das zumindest bezogen wir in unsere Berechnungen ein) oder ob wir einfach umkehren sollten, blieben wir für einige Minuten regungslos in der spanischen Steppe stehen. Die Hügel wirkten verlassen und die Sonne brannte auf uns herab. Liefen wir zurück, war es aus mit unserer phantastischen Wanderung durch ein unbekanntes Land. Gingen wir weiter, wäre ein solches Schild am Rand des Weges wahrscheinlich unser kleinstes Problem. Ich glaube, dass wir in diesem Moment zu verstehen begannen, welcher Abgrund zwischen Vorstellung und Wirklichkeit liegen kann. In mir hatte die spanische Landschaft nie so trocken und abweisend ausgesehen, die Pfade führten geradezu zwanglos und einladend in das Innere des Landes hinein, sie boten sich sozusagen jedem, der nur wollte, widerstandslos an. Und jetzt standen wir hier an so etwas wie einer Kreuzung, nachdem wir gerade einmal eine Stunde gewandert waren und wussten nicht weiter. Vielleicht ist es besser, sagte einer von uns irgendwann, wenn wir mit dem Zug noch etwas an der Küste entlang fahren. In Südfrankreich soll es super sein, viel besser als in diesem Steppenmist. Es ist doch auch viel zu heiß! 

Wir drehten uns um und liefen wortlos zurück. Mein Magen krampfte sich bei jedem Schritt zusammen, denn was in unserem Rücken verschwand, war der Plan, die Idee unserer Reise. Doch das getraute ich mich nicht auszusprechen und auch Simon schwieg an meiner Seite. Nur hin und wieder fummelte er an den Gurten seines überdimensionierten Expeditionsrucksacks herum, der bei jedem Schritt laut klapperte, als schleppte er eine Altglassammlung durch die Gegend. Eine Dreiviertelstunde später tauchte die Straße wieder vor uns auf und wir kehrten nach Figueres zurück.