18. Januar

Als ich erwache, ist K bereits aus dem Bett verschwunden. Im Schlafzimmer ist es dunkel, der Rolladen ist nicht komplett heruntergelassen, doch durch die vielen kleinen Zwischenräume der Jalousie sickert keinerlei Licht. Draußen scheint noch Nacht zu sein und wenn nicht Nacht, so lässt die Dämmerung jedenfalls weiter auf sich warten. Ich stehe auf, laufe benommen in Richtung Bad und sehe im Vorbeigehen das Licht hinter der Wohnzimmertür. Es ist Montag, sage ich mir, und K bereitet sich auf die Arbeit vor, indem sie auf ihrem Laptop noch eine Serie schaut, bis sie sich in unserer Küche an den provisorischen Arbeitsplatz setzt. 

Vor zwei Wochen, kurz nach Silvester, hat sie ihren Arbeits-PC samt Monitor nach Hause schleppen müssen, nachdem die Museumsleitung den gesamten Stab zur Heimarbeit verpflichtet hat. K hasst es, zu Hause zu arbeiten, für mich ist das ein Traum, endlich erlöst von der Fahrerei und den Kollegen, aber K fällt schon nach kürzester Zeit die Decke auf den Kopf, egal wie viele Yogapausen und Spaziergänge sie auch in ihren Tag hinein arbeitet, am Ende reicht es eben nicht aus. Für sie kommt das Ganze einem richtigen Eingesperrtsein gleich, obwohl sie ja hinaus kann, doch im Gegensatz zu mir, der ich wochenlang zu Hause bleiben könnte, ohne auch nur einen Gedanken an das Draußen und die anderen zu verschwenden, braucht K den Wechsel der Räume und den Kontakt zu ihren Mitmenschen.

In der Küche ist noch etwas Kaffee in unserem Aluminiumkännchen übrig, wahrscheinlich von gestern Abend. Ich werfe den Wasserkocher an, der widerstrebend seinen Dienst aufnimmt, kontrolliere aber immerhin, ob diese gelblichgrauen Kalkflocken noch in seinem Inneren beschwingte Kreise ziehen. Das ist glücklicherweise nicht der Fall, vor ein paar Tagen allerdings musste ich eine Tasse Tee in den Ausguss schütten, die vor Kalkflusen regelrecht überlief. Ich höre auf das Rumoren des Kochers, ein dunkles Brausen, das irgendwann heller wird, öffne die Balkontür und trete in das Chaos hinaus. Altglas sammelt sich in mehreren Kisten, das Herbstlaub der Hinterhofbäume bestäubt jeden Zentimeter, mehrere Paar Kletterschuhe liegen herum, Sporttaschen, nie genutzte Blumentöpfe. Am Balkongeländer hängen unsere drei traurigen Blumenkästen als Mahnung an alle Kleingärtner des Viertels, sich genau zu überlegen, ob eine Bepflanzung den eigenen Kräften entspricht, ob das Durchhaltevermögen also wirklich auch da ist und nicht nur die verführerische Idee in einer Art tropischen Balkongarten zu leben. Denn bei uns ist für jeden weithin sichtbar wirklich alles eingegangen, was nur eingehen kann. Jetzt wächst Moos in den Kästen und dazwischen ein paar angewehte, ziemlich kränklich wirkende Gräser.

Weil es kalt ist, spähe ich nur kurz in den dunklen Hof hinunter. Noch immer stapelt sich der Plastikmüll auf den drei gelben Tonnen und erinnert mich an Szenen aus Neapel, damals, als die Mafia irgendwie keine Lust mehr hatte, den Müll in der Stadt zu beseitigen und einfach streikte. Unsere Vermieterin schrieb uns vor ein paar Tagen, Herr X, der sich bisher immer um den Plastikmüll gekümmert hat und die gelben Tonnen zur entsprechenden Zeit auf die Straße stellte, sei verschwunden und melde sich nicht mehr. Er habe, schrieb sie, den Kontakt abgebrochen. Ob nicht jemand aus dem Haus in der Lage wäre, den Müllberg auf eine Deponie außerhalb der Stadt zu fahren. Natürlich würde der Aufwand entschädigt.

X ist also abgetaucht, sage ich mir ohne größere Verwunderung, X, den ich überhaupt nicht kenne. Er hat sich aus dem Staub gemacht, von einem Tag auf den anderen beschlossen, das alles sein zu lassen. Dieses ewige Hinausstellen irgendwelcher Mülltonnen, soll das mein Leben sein?, denke ich, hat sich X gefragt, ich will doch etwas ganz anderes, ich will doch mehr, ich wollte doch auch irgendwann von allem weg! Und stattdessen rücke ich die vollgestopften Tonnen auf die Straße, vollgestopft mit dem Mist irgendwelcher Studenten und junger Familien, Skyrreste, Bioreste, Fairtradereste. Das kann doch alles nicht wahr sein, ich muss mich absetzen, ich besteige das nächste Schiff, ich fahre auf dem Neckar davon, auf der Missouri die gerade am anderen Ufer vor Anker liegt und Container am Hafen entlädt, weg auf dem Neckar, der in den Rhein fließt und von dort irgendwann ins Meer, ins Offene.

Als der Wasserkocher fertig ist, gieße ich das noch sprudelnde Wasser auf den niedrigen Espressospiegel in meiner Tasse und verschwinde anschließend wieder im Schlafzimmer. Ich lege mich ins Bett und kann für einen Moment nicht glauben, erst morgen wieder auf Arbeit zu müssen. Was für eine Befreiung, endlich mehr Zeit für mich als für diesen Quatsch zu haben, endlich mehr Zeit zum Schreiben, zum Lesen, vielleicht sogar zum Denken. Ich muss da wieder hinein, sage ich mir, zurück in diese Zeit, als das Lesen und das Denken die Hauptbeschäftigungen gewesen sind, die völlig selbstverständlich den Großteil meiner Stunden füllten, ich muss jetzt wieder dort hin und bin gleichzeitig glücklich, zumindest einen Teil meiner Woche zurückerobert zu haben, denn genauso fühlt es sich an. Ich erobere mir meine Zeit zurück, auch wenn die Eroberung natürlich leise von statten geht. Der offene, geräuschvolle Kampf bleibt eben nur eine Option unter vielen. Daneben existieren noch hundert andere Strategien, man muss nur die passende für sich ausfindig machen und das braucht einige Zeit, manchmal auch Jahre. Zumindest bei mir hat es Jahre gedauert und jetzt bin ich sechsunddreißig und probiere ja immer noch und immer weiter herum, denn das Leben und seine Einrichtung, so viel zumindest scheine ich verstanden zu haben, kommt niemals an ein Ende, es ist eine Aufgabe, die wahrscheinlich erst dann ihren Abschluss findet, wenn man die Augen für immer schließt und sich von allem hier unter der Sonne und den Sternen verabschiedet.

Im Bett lese ich weiter in Mishimas Der Goldene Pavillon und stoße zum zweiten Mal auf jene Szene, in der eine junge Frau im Kimono dem von ihr verehrten Offizier eine Teeschale reicht und im Anschluss ihre Brust massiert, um dem Tee einen Spritzer Milch zu versetzen. Das alles kommt so unerwartet und stößt auch so eigenartig ab, dass ich mich sofort frage, ob ich mich an ähnlich schockierende Dinge erinnern kann. Ich überlege lang, denke an Bret Easton Ellis, weiß, dass noch viel viel mehr solcher Szenen in mir schlummern, aber ich erwische sie nicht. Sie sind in mich eingesunken wie in den Grund eines Teichs und wieder einmal macht mich meine grauenhafte Erinnerung rasend, denn ich erinnere mich ja tatsächlich an nichts, schon nach ein paar Wochen habe ich die gelesenen Bücher vergessen und was zurück bleibt, ist nicht mehr als ein unbestimmtes Gefühl, ein Satz, ein Bild.

Ich lese trotzdem weiter, kann mich jetzt aber nicht mehr richtig konzentrieren. Deshalb beschließe ich kurzerhand laufen zu gehen. Mittlerweile ist es zehn und draußen hell. Eine mausgraue Wolkenschicht liegt über der Stadt, als ich in Richtung Fluss unterwegs bin. Es ist kalt, 3 Grad zeigt meine Uhr an und als ich schließlich auf dem asphaltierten Uferweg in Richtung Schleuse jogge, fallen mir wieder die fachmännisch zerlegten Bäume auf, die vor einigen Tagen den Motorsägen der Stadtverwaltung zum Opfer gefallen sind. Trostlos ist dieses Bild jetzt und das Ufer wirkt nackt ohne die Monsterplatanen oder was auch immer das für Bäume waren. Jetzt läuft man durch ein weiteres Brachland, durch eines dieser abweisenden Areale, in denen man als Mensch eigentlich nichts zu suchen hat. Erst an der Ölfabrik wird mir warm und plötzlich fällt mir ein, wie merkwürdig dieses Laufen ist, das ich auch erst nach der Dreißig aufgenommen habe. Als Zwanzigjähriger habe ich Leute wie mich belächelt und sogar verachtet, Sportidioten, Körperkultler und jetzt bin ich auch einer der ihren geworden. Es ist eigentlich unglaublich, wie wenig man doch den verachteten Bildern ausweichen kann, wie sehr es einen hineinzieht in diese großartige Maschine. Manchmal kommt es mir vor, als unterschieden sich die Leben nur in winzigsten, kaum wahrnehmbaren Details, in reinen Oberflächen. Egal wie einzigartig mir das Leben in wenigen Momenten auch erscheint, das Leben aller eigentlich, so gleichartig wirkt es doch mit etwas Abstand zum Objekt. Egal wie individuell sich die jungen Mütter mit den Kinderwagen auch in ihren hinreißenden Versuchen geben, sich zu etwas Einzigartigem zu machen, sie wirken doch am Ende alle gleich in ihrer leuchtenden Hilflosigkeit, dem großen Ganzen zu entgehen.

18.37. Jetzt liegt die Dunkelheit draußen im Hof wie ein schwarzer Film, eine einzige riesige runde Nacht, denke ich und die meisten Räume im gegenüberliegenden Wohnhaus sind erleuchtet. Da drinnen laufen die Geister herum, schwere, aber doch bewegliche Schatten in einer Art Leuchtraumkulisse, kleine Aquarien aus Licht, in denen sich die Ausschnitte des Lebens zusammenfinden. Ich sehe Bücherregale und eine Stehlampe, eine Küche und einen Esstisch, darüber eine Wohnung im Anschnitt, wahrscheinlich das Bad. Merkwürdigerweise bleiben die meisten erleuchteten Räume über lange Zeit leer, die Menschen kommen den Zimmern abhanden und dann kehren sie wieder zurück, ein Aufzug folgt dem Ende der Akte und dann geht wieder alles von vorne los. Die Bewohner bewegen sich durch die Flure, verschwinden in den Winkeln, vielleicht verschwinden sie ja auch ganz, während ich eine geheime Abmachung vermute hinter all der Choreographie, hinter all diesem Verstecken, in das mein Zweifel fällt, der über den Tag zurückgekommen ist. Ob das alles etwas wird, zum Beispiel, mit diesem langen Projekt hier, mit diesem langen Schreiben über ein ganzes Jahr. C macht sich schon lustig, ob ich am Ende auch die Schuhwahl hineinschreiben werde wie Knausgaard, sobald ich aus dem Haus will, um den Müll nach unten zu bringen und ich denke, ja, vielleicht schreibe ich auch einfach über die Wahl meiner Schuhe, so wie ich über die Wahl meiner Jacken schreiben werde. Ich besitze drei Jacken für den Winter, eine mit Fellkapuze, eine aus GoreTex und eine rote Daunenjacke, in der ich aussehe wie eine Boje, im Schnee aber zumindest nicht verloren gehen kann.