17. Januar

Es hat die ganze Nacht geschneit, der Hinterhof ist weiß und K erklärt mir nach dem Aufstehen, sie möchte heute in den Odenwald fahren. Ich habe dazu eigentlich überhaupt keine Lust, halte mich und mein Desinteresse aber zurück und verschwinde in das Wohnzimmer, um nach einem neuen Buch Ausschau zu halten, das mich über die kommende Woche bringen muss (es ist Sonntag). Ich habe gestern ein wenig in Robert Gernhards Ich gelesen, aber schon auf den ersten zwanzig Seiten geht es um deutsche Zeitgeschichte und das werde ich mit Sicherheit nicht durchhalten, so viel steht fest. Also wühle ich im Bücherregal herum und komme so zu einer kleinen Auswahl, die ich dann, auf der Couch zurückgekehrt, vor mir ausbreite. Achternbuschs Revolten, Goetz’ loslabern und Mishimas Der Goldene Pavillon. Nach langem Hin und Her entscheide ich mich für den Harakiri-Japaner.

Ich habe den Goldenen Pavillon vor einigen Monaten bereits angelesen, bin aber damals nur bis Seite 60 gekommen. Als ich wieder einsteige, erinnere ich mich nur entfernt an das Geschehen, tauche in die Sprache Mishimas aber sofort wieder ein, als würde ein Gespräch fortgesetzt, das ein dummer Zufall unterbrochen hat. Wieder fällt mir auf, wie eigenartig unbegründet Terror und Künstler schon auf den ersten Seiten nebeneinander existieren. Was ich damals aber gar nicht begriffen habe, verstehe ich heute zum ersten Mal, nämlich das Fazit des jungen Erzählers nach Uikos Verrat, über den er sagt: „Durch ihren Verrat hat sie endlich auch mich angenommen, jetzt gehört sie mir.“

Das hatte ich damals überhaupt nicht kapiert, obwohl es eigentlich sehr einfach ist. Der Erzähler, der aufgrund seines Stotterns zum Spott seiner Mitschüler wird, fühlt sich außerhalb aller Gemeinschaft, betrachtet die Gemeinschaft auch gewissermaßen mit Abneigung und Hass. Uiko, die ihren Liebhaber (einen desertierten Soldaten) der Militärpolizei verrät, begibt sich ebenso außerhalb der Gemeinschaft, in der Verrat so ein Art Todsünde ist natürlich. Deshalb auch der Satz: „Ihr Verrat war Sternen, Mond und Zedern ebenbürtig.“ Klar, die sind ja auch tot und unendlich weit von den Menschen entfernt. Genau wie der ebenso unmenschliche Verrat.

Wir fahren gegen Mittag los, K hat das Auto ausgeliehen, das gleich am Ende der Straße auf uns wartet. Dort gibt es eine kleine Carsharing-Station, eigentlich nur drei Parkplätze, die durch eine Art Seil von der Straße abgetrennt sind. Auf dem roten Dreitürer liegt der Schnee als Miniaturgebirge, das ich mit einem blauen Paddel schnell wegschaufele, nicht wenig stolz auf meine fachmännischen KFZ-Kenntnisse, denn ich klappe die Scheibenwischer weg, als hätte ich das alles schon tausendmal gemacht und erst danach befreie ich die Front vom Schnee.

Wir fahren knapp dreißig Minuten bis in den Odenwald, zuerst auf der Autobahn, dann durch kleinere Dorfstraßen. Bald gewinnen wir an Höhe, es geht einen Hügel hinauf und schließlich erreichen wir den Wald, Riesenbäume links und rechts, dazwischen die Hänge weiß weiß weiß und es wird kalt und kälter, obwohl über unsere Füße der warme Motorenwind weht und ich schon längst meine Jacke abgelegt habe. Im Radio läuft Rod Stewart und ich bin der Meinung, dass so eine Kackmusik auch nur im Radio laufen kann. Als ich K erkläre, es müsse irgendwo dort draußen Menschen und Paare geben, die einen Song von Rod Stewart als ihren Song bezeichnen, stimmt sie mir zu, gibt allerdings zu bedenken, es ginge immer noch schlimmer. Natürlich hat sie recht, doch ich frage mich, wie schlimm es wirklich noch gehen kann, ob der Brunnen sozusagen keinen Grund besitzt.

Als wir uns dem Wanderparkplatz nähern, werde ich unruhig. Wir fahren eine schmale Serpentine hinauf und links und rechts am Fahrbahnrand ist bereits alles voller Ausflügler. Hinter einer Kurve sehen wir die Familien oben auf den weißgespülten Hängen, eine riesige Kindertraube, die auf Schlitten in Richtung Talsohle knallt und die Eltern und Alten dazwischen. So stelle ich mir ein Skigebiet vor, ein Haufen Irrer, die in K2-Montur die Hänge hochwetzen und das alles für total befreiend und wunderbar aktiv befinden, die Luft ist ja auch so unglaublich frisch.

Nach einer Ehrenrunde biegen wir endlich auf den Parkplatz, obwohl ich fest überzeugt bin und das auch offen erkläre, wenn schon die Straße voll ist, ist es der Parkplatz erst recht. Doch wir haben Glück, schlängeln uns an einer riesigen Kolonne anderer Autos vorbei und parken zwischen den monolithischen SUVs zweier Kleinfamilien. Die Kinder – Finn, Leonard, Charlotte oder Pia – werden in Daunenanzüge gezwängt, haben jede Gegenwehr aber bereits aufgegeben und lassen deshalb alles über sich ergehen. K und ich steigen aus und ziehen uns ebenfalls an. Dann laufen wir in Richtung Wald.

Kurz bevor wir den Weg erreichen, sprechen uns zwei Männer an. Ihr Auto käme nicht mehr aus dem Schnee heraus, sei total festgefahren, ob wir helfen könnten. Ich stöhne innerlich auf. Na klasse, jetzt noch dieses Männergequatsche, wie man am besten im Rückwärtsgang und dann schön was unterlegen und freischaufeln und ja, jetzt mal ein bisschen mehr Gas bitte. Natürlich lasse ich mich breitschlagen, ich gehöre ja irgendwie doch dazu und außerdem sind die beiden nett und noch bevor ich mich an der Motorhaube als Zweitschieber in Stellung begebe, ruft schon so ein Alexander oder Martin, er sei auch dabei, wir sollten nur kurz warten, das hätte er schon tausend Mal gemacht. Scheisse, fluche ich innerlich, jetzt noch so ein handwerkelnder Familienvater, das hat mir gerade noch gefehlt, aber da steht der Superschneeexperte schon an meiner Seite und gibt Kommandos. Vollgas!, ruft er wie ein Oberfeldwebel, los, los!, aber nichts tut sich. Erst, als noch ein anderer Sachverständiger rekrutiert wird („Ja, ja, das passiert, wenn man nicht rückwärts einparkt mit Vorderradantrieb, weil dann kann man gleich im zweiten Gang wieder raus“), wuchten wir diese Mistmöhre endlich gemeinsam auf den Weg. Merkwürdigerweise findet, wie in solchen Momenten normalerweise immer der Fall, keine Verbrüderung statt, wir sagen uns nicht einmal Tschüss, es fällt auch kein Danke oder so. Ich bin nur froh, endlich verschwinden zu können.

Je weiter wir durch den Wald kommen, desto stiller wird es. Die Kiefern wachsen wild nach oben, es schneit ganz leicht und wir begegnen anfangs nur selten anderen Ausflüglern. Es wird kälter mit der Zeit, ich muss mir ein zweites Paar Socken überziehen und stapfe dann davon. K ist begeistert, wirft sich in eine Schneewehe und macht einen Schneeengel, was ich natürlich filme. Es tut gut, auf diese Weise durch den Wald zu laufen, der sich wiedermal ohne Gegenwehr allem und jedem zur Verfügung stellt. Als wir einen Hügel hinter uns bringen, halte ich an, ich habe da etwas im Dickicht entdeckt. Ein Wolf, sage ich, ohne selbst an meine Worte zu glauben, aber K erwidert, es gebe hier keine Wölfe. Wir gehen weiter und entdecken in etwa einhundert Meter Entfernung ein junges Reh, das unseren Blick erwidert, um dann gelangweilt zu verschwinden. Als wir in einen Abschnitt des Waldes kommen, in dem die Bäume immer höher wachsen, fällt mir Stifters Hochwald ein, auch wenn ich die Erzählung nicht ganz zusammenbekomme. Ging es da um dieses Geschwisterpaar, das sich im Wintersturm verirrt? Aber Hochwald, was für ein deutsches Wort, deutscher geht es doch kaum! Eine halbe Stunde später bewirft mich K mit einem Schneeball. Ich revanchiere mich natürlich. Später, auf einem Weg in Richtung Tal, auf dem uns junge Familien mit Kindern begegnen, versucht mich K in einen Abhang zu stoßen, natürlich alles im Spaß. Aber das lasse ich mir nicht gefallen, werfe sie um und seife sie zumindest andeutungsweise ein. Als ich kurz zurück in Richtung der jungen Familien sehe, fällt mir ein Blick der Frau auf, die sich da an etwas zu erinnern scheint. An eine Zeit vor den eigenen Kindern, als es so was vielleicht auch für sie gegeben hat. Aber das alles ist lange her.