16. Januar

Ich wache gegen halb acht auf mit einer Zeile im Kopf, die ich noch im Bad vergesse. Dieser Spuk der eigenen Gedanken, die in der Nacht allein vor sich hinarbeiten und wer weiß welche Figuren, Muster und Kreise in uns ziehen, unwahrscheinliche Gebäude errichten, die der Morgen wieder einreißt, diese ganze Arbeit im Geheimen. Ich stehe vor dem Badspiegel und versuche ein Echo zu erwischen, das Echo dieser verlorenen Zeile, die immer weiter von mir abrückt, je intensiver ich mich auf sie zu konzentrieren versuche. Irgendetwas mit Dunkelheit? Lähmung? 

Ich setze mich mit meinem Rechner auf die Couch im Wohnzimmer. Der Rotweinfleck, den ich angetrunken und ziemlich verzaubert an Silvester auf unserem neuen IKEA-Teppich hinterlassen habe (mundgewebt in so schön konstruktivistischer Farb- und Formgestaltung), ist noch immer zu sehen, obwohl K mit ziemlich teurem Teppichreiniger zugange gewesen ist. Ich sitze und plötzlich erwische ich die Zeile, die mir eben im Bad verloren gegangen ist, als hätte das Sitzen etwas in mir bewirkt. Gedanken, Gedanken, das trübe Licht. War es nicht das? Aber was für eine Zeile soll das sein, geht es mir sofort wieder durch den Kopf, das ist doch überhaupt keine richtige Zeile, nur so eine Art Ansatz und selbst der ist ziemlich schwach.

Dann schalte ich Musik an, Plankton Wat, so eine Psychedelic-Geschichte, die ich irgendwann während einer intensiven Krautrock-Recherche entdeckt habe. Aber schon nach ein paar Minuten geht mir das Gedudel auf die Nerven, diese ewigen mythischen Gitarrensoli, vielleicht ist das doch nicht zu ertragen. Wechsle auf Royben Sawyer, Dronestaffagen, Oszillatorengemenge, ELEKTRISCHE, mal sehen, ob ich darin klar komme, für eine gewisse Zeit. 

Ich müsste eigentlich laufen, sage ich mir, ich muss mich heute bewegen, aber draußen ist es kalt und ich fühle eine merkwürdige Unruhe in mir, einen regelrechten Tatandrang und weiß, dass ich mit dieser Unruhe in der Brust zum Laufen nicht fähig bin. Ich habe das ein paar Mal ausprobiert, kann den gleichmäßigen Laufrhythmus aber nicht halten in einer solchen Stimmung, werde schneller, sobald sich die Gedanken in meinem Kopf beschleunigen, um übereinander herzufallen und dann wieder langsamer und die ganze Zeit verschwindet die Unruhe in mir nicht, so dass auch das Laufen zu einer wirklichen Qual wird, zu einem Hindernis, einer weiteren Verantwortlichkeit (diesmal für den eigenen Körper und seinen Grunderhalt), die man sich selber aufgehalst hat. Aber auch das Sitzen bereitet mir Probleme und das Musikhören. In letzter Zeit höre ich eigentlich nur noch Black Metal und John Fahey, eine verrückte Kombination, es ist wie ein Schwanken zwischen Stumpfheit und How Much Wood Could A Wood Chuck Chuck von Werner Herzog. Gestern habe ich Die Stunde des Todes von Achternbusch gelesen, der ja für Herzog das Herz aus Glas geschrieben hat. Achternbusch ist auch die Wände rauf und runtergelaufen, immer mit der leiselauten Ahnung in Gedanken, wahrscheinlich allein zu stehen und sich gegen das Übermächtige bis zur Selbstzerfleischung richten zu müssen, weil es, wenn man lange Zeit in eine Richtung geht, irgendwann kein Zurück mehr für uns gibt.

11.35. Komme vom Laufen heim, zum ersten Mal unter fünf Minuten für einen Kilometer gebraucht, aber auch entsprechend gehechelt wie ein Herzklappenpatient. Draußen sind wieder viele Leute unterwegs, alle zieht es zu den Gewässern, zu den Flüssen in der Stadt. Die ganzen ewig Unsportlichen bevölkern jetzt die Wege und Wiesen in Triathletenklamottage und kommen gut zurecht. Ich steuere an ihnen vorbei, überhole wo ich kann, aha, es gibt neue Graffitis an einer Wand, so eine abgestandene Kacke, früher fand man das ja ganz nett, aber auch dort tut sich überhaupt nichts, die gleichen Kackbuchstaben wie vor 40 (!!) Jahren in der Bronx, die gleiche Comicfiguren, besoffene Pandas und so und das soll man dann gut finden? Wie wärs, wenn die so genannten Graffitimenschen mal ein paar Diego-Rivera-mäßige Agitationsmaschinen an die Wände ballern und uns alle endlich zum totalen Superkampf aufstacheln, aber ne, dann lieber ein paar verschnökelte ich-bezogene Buchstaben. Dafür ist die Literatur doch da! Kacke.

C schreibt mir aus Marseille, welches Cover er für Gärten gut findet. Das deckt sich auch mit meinem Gefühl und der Meinung von K. Ich erhalte auch ein paar Nachrichten von ihm, offensichtlich ist er gerade wieder mit den Kindern unterwegs. Bin gespannt, wie er auf die große Heulkrampfszene in AK reagiert, in der er ja zentral in Erscheinung tritt.