15. Januar

Vielleicht wird es mir in diesem Jahr möglich sein, mich ernsthaft als Subjekt zu begreifen, als ein richtiger Agent, Agent des eigenen Lebens, nicht nur Verhandlungsführer, sondern Handlungsreisender, einer der wirklich handelt sozusagen. Gleichzeitig ahne ich im Tagebuch einen großen, umfassenden Betrug. Das Tagebuch ist eine verkehrte Gattung, dieses Sprechen zu sich selbst, ohne jede Figur, aus diesem Grund auch so beliebt bei verpickelten Jugendlichen, denn man muss hier keine Stellung beziehen, man ist ein grenzenloses Ich und Zentrum jedes einzelnen Gedankens.

Auf der Neckarbrücke füttert ein alter Türke eine wirklich beängstigende Möwenschar, wirft halbe Brote über die Brüstung, über die sich diese hungrigen Flugtiere sofort her machen, als hätten sie seit Tagen nichts gegessen, als wären alle Rentner mit schier unerschöpflichen Brotreserven mit einem Mal vom Erdboden verschwunden, was natürlich nicht stimmt, denn hier draußen bei -2 Grad trippeln die Omis und Opis noch munter rum, ohne an Blitzeis und Hüftgelenksfrakturen auch nur einen müden Gedanken zu verschwenden. Ich habe nie ganz verstanden, ob die Tauben- und Möwenpfleger einfach nur ihre verschimmelten Brotbestände loswerden wollen mit dem Gedanken, der Natur und den Biestern etwas Gutes zu tun oder ob es sich eher um verzwickte Einsamkeiten handelt, die sich im Akt des Fütterns ein wenig Nähe verschaffen. Die Tiere kommen ja tatsächlich sehr nah an einen heran, sie haben keine Scheu, sobald es etwas zu futtern gibt, auch wenn das natürlich nicht heißt, es gebe da eine Beziehung zwischen dem älteren Türken und den Tauben, beide existieren, egal wie viel Brot durch den Himmel fliegt, in verschiedenen Welten und verstehen einander nicht.

Vor einigen Tagen habe ich auf Youtube ein kurzes Video über eine Art Steppenfuchs, gesehen, der in Brasilien und Argentinien zu Hause ist, einem Fuchs ähnlich sieht, aber mit viel längeren, merkwürdig staksigen Läufen, dabei aber den Namen Wolf trägt, ohne mit den Wölfen verwandt zu sein. Präriewolf vielleicht, ich kann mich nicht richtig erinnern. Was für ein Tier! Irgendwie überlängt wie so eine Lehmbruckgestalt, ganz schlank wie ein Windhund, aber nicht so deprimierend und verängstigt wie diese Gattung mit ihren obligatorisch eingeklemmten Schwänzen. Kein Wunder, dass der Adel so sehr auf diese Tiere steht, die wirken ja schon auf den ersten Blick wie der prototypische Knecht, runder Rücken, eingezogener Schwanz, von denen geht jedenfalls kein Aufstand aus, dafür sind die Straßenköter und Promenadenmischungen zuständig. Der Steppenfuchs jedenfalls gefiel mir sofort. Mit seinen hohen Läufen kann er über das Steppengraus gut drüber schauen und sieht so seine Beute besser. Außerdem hat er so große Löffel wie ein Hase und bewegt sich zwischen den Menschen sehr vorsichtig. Er kennt den Feind. Deshalb auch die Steppe als Heimstatt.