14. Januar

Vor ein paar Tagen hatte ich einen Traum, der mir heute morgen im Zug (eine Durchlichteinheit, die alles in der Januarlandschaft verwischt) plötzlich wieder einfällt. Ich stehe vor einem Gewässer, so etwas wie ein Fluss, aber das eigenartige ist, dass dieser Fluss einen Hügel hinauffließt. Der Hügel ist nicht weit von mir entfernt und eher links, denn der Fluss trennt mich auch von diesem Hügel, d.h., er fließt sowohl horizontal durch mein Gesichtsfeld, als auch quasi vertikal die Erhebung hinauf. Auf dem Hügel steht ein altes Holzhaus, ein Haus, wie ich es nur aus amerikanischen Gemälden kenne (wie heißt gleich dieses Gemälde, ‚Christinas World‘ oder in diese Richtung? Klassiker der 1940er, hängt im MOMA NY). Ein Kahn, so eine Art Venedig-Schaluppe, fährt den Fluss hinauf, das Haus, das habe ich noch gar nicht erwähnt, steht direkt am Fluss, d.h. man hat es an jenem Abschnitt des Flusses errichtet, der hinauf zum Hügel fließt. In diesem Kahn sitzt jemand und als mir diese Person auffällt (keine Ahnung, wer das ist, das alles scheint mir auch nicht weiter von Bedeutung), WEISS ich plötzlich, dass jemand im Haus ist und wartet. Mit einem Mal macht sich in mir der Gedanke breit, man könne im Haus möglicherweise nichts von der Ankunft des Kahnfahrers mitbekommen und dieser Gedanke bereitet mir eine solche Qual, dass ich zu rufen beginne, doch natürlich rufe ich mit meiner Traumstimme, d.h. tonlos, sprachlos, erzstumm und deshalb nähere ich mich dem Haus auf dem Hügel, betrete den Fluss und schon nach zwei oder drei Schritten reißt mich die Strömung davon. Ich sehe das Haus verschwinden, aber nur für kurz, denn schon spüre ich, wie mich der Fluss über einen Abhang wirft, ein Wasserfall, geht es mir durch den Kopf, ich höre das Rauschen, fühle die Leere unter mir und meinen Fall, wache schließlich auf (diesmal ohne zu stöhnen oder zu schreien wie sonst). Irre.

Mein Vater hat einmal am Küchentisch von einem Traum erzählt, der mir bis heute in Erinnerung geblieben ist. Es ist der einzige Traum, den ich von ihm behalten habe, nicht einmal von meiner Mutter fällt mir ein Traum ein, den sie möglicherweise irgendwann erzählt hat. Mein Vater erklettert einen Turm aus Panzern, alles ausgediente, zerstört wirkende Modelle, Panzer nach Panzer, einer über dem anderen gestapelt. Es geht weit hoch, ein wirklich riesiger Turm, den er erklimmen muss, warum, ist nicht klar, denn es gibt keinen Anlass, auch niemanden der sagt, dort musst du jetzt hinauf, du musst den Panzerturm besteigen. Als er den letzten Panzer erreicht, hangelt er sich an dessen Geschütz, das weit hinaus über den Panzerturm ragt ins Nichts und dann, am Ende des Geschützrohres angelangt, lässt er sich fallen.

Ich habe den gesamten Tag mit Kollegengesprächen verbracht. Jeder steckt in seiner eigenen Hölle und versucht sich zu trösten, dass er die Zeit verbrennt, dass er den Chef versucht zu beschwichtigen, dass er irgendetwas mit sich anzufangen versucht, das sich niemals umsetzen lassen wird. Ich frage mich, warum und wie wir alle weitermachen und weiß, dass es den meisten dort draußen ebenso geht. Die ganze Zeit der Gedanke, sich einfach aus dem Staub zu machen. Die Kraft, alles zu verändern, besitzen ja eigentlich nur die sanften Idioten, man selbst rennt ein oder zwei Jahre gegen Wände an und zieht sich schließlich ganz zurück in so etwas wie die innerlichste Emmigration. Gegen die Arbeitswelt ist kein Kraut gewachsen, man bringt sich nur als selbstverteidigendes Etwas ins Spiel, versucht die ganze Zeit zu retten, was zu retten ist. Gegen die debilen Anrufe, gegen die wahnsinnigen Ideen der Chefs, immer die gleichen Gespräche, die anderen sind inkompetent, sind faul, nichts läuft richtig. Ja, aber morgens folgt man doch treffsicher dem eingespielten Gang. Gewohnter Platz im Zug, klar, rechte Seite am Fenster, niemals reserviert, die gleichen Gesichter, alle unzufrieden, eine gigantische unzufriedene Schar, die sich morgens und abends durch die Städte schiebt und immer auf Erlösung wartet. Auf den Arbeiterjesus, die Angestelltenmaria im Gepäck. Aber das alles schreibe ich im Büro mit Leichtigkeit, denn es ist kurz nach fünf und natürlich bin ich der letzte. Hier arbeitet man nicht lang, man flieht das Museum wie das Ersticken, alles muss schnell gehen, sehr schnell, man muss hinaus und verschwinden.

Vielleicht, das fällt mir gestern ein, könnte dieser Text hier eine Art Buch der Unruhe werden, wie es Pessoa geschrieben hat, der ja bekanntermaßen auch ein gequälter Angestellter gewesen ist, für den sich keine Sau interessierte. Die Unruhe ist wunderbar, sie zeigt, dass noch Leben in einem steckt, dass man noch nicht völlig taub ist. Die Qual versucht etwas zu sagen, am Ende lässt sich vielleicht die gesamte Einrichtung mit ihrer Hilfe beschädigen, kaputt hacken, in Einzelteile zerlegen. 

*

Die Unruhe bleibt übrig

Wie die Reste vom Mittagessen

Du könntest ja gehen

Es gibt auch andere Stellen, eine andere Funktion

Aber es ist Januar

Und die Richtungen sind vorgegeben

Und auf den Plätzen überwintert immer irgendwas

Die Alten mit ihren Gesprächen

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Ich will gar nicht so sein, denke ich in letzter Zeit häufig, ich möchte mich nicht ständig beklagen, ständig darüber nachdenken, auf welche verquere Weise ich mich verbiege, um irgendwie diesen Tag und diese Arbeit zu überstehen. Ich möchte meine Zeit nicht an das alles verschwenden, doch ich muss es eben tun, um zu überleben in einem Büro, so merkwürdig pathetisch das auch klingen mag. Ich habe das Gefühl, mich eigenartig zu verändern, böser zu werden, schlechter, auf einer ganz menschlichen, leichten, wirklich grundlegenden Ebene. Ich beginne zu taktieren, ich denke mehrere Schritte voraus, was, wenn ich das tue, wie wird X reagieren, kann ich den Unmut von Y bereits im Vorfeld abmildern, am besten ein paar schmeichelhafte Worte, genau, wie sehen sie denn das, Frau Hirnschaden, ja, was ist denn ihre Meinung zu diesem Thema, Herr Altachtundsechzigerwampe mit grauem Haar? Was ist denn das für eine beschränkte Hurenexistenz, für eine Scheißwirklichkeit, das möchte ich doch bitte einmal wissen! Und während man dahinsiecht durch diese beschissene Arbeitswelt, in der alle Freund spielen und doch immer Chef bleiben, existieren diese Lesebühnenarschgesichter parallel, als wäre überhaupt nichts dabei, und tragen irgendwelche Scheisse vor, finden sich witzig, erklären wie das Großstadtleben so funktioniert, mit diesen Blicken zwischen Mann und Frau. Fickt euch alle, ihr Kanallien, ich wünschte, ich hätte ein Schützentraining absolviert und hielte die Existenz der anderen für weniger wert als meine eigene! Lesebühne, nur Idioten und Schwachsinnige nehmen an so was überhaupt teil, nur Preisboxer, die aufs Texten gekommen sind. Ich verachte euch zutiefst und werde euch immer verachten, ihr seid die Kleinunternehmer der Kunst, die alles zugrunde richten, die künstelnden Ich-AGs, die ihre Scheisskomik zum besten geben und dann so tun, als wären das total aufmerksame Berichte aus dem wirklichen Leben. Euch schaut der Arsch des Lebens nicht einmal an. Bleibt in Berlin ihr Kacker!