13. Januar

Ich verschwinde früher aus dem Museum mit einer gewissen Dringlichkeit, obwohl ich den gesamten Tag lang nichts, wirklich gar nichts gearbeitet habe. Es ist noch nicht ganz dunkel, als ich nach draußen gehe, der Himmel zeigt noch ein letztes, verschwindendes Blau, aber es ist kalt und ich ziehe den Reißverschluss meines Parkas bis zum Hals. Die Fellkapuze ist riesig und liegt mir angenehm an der Kehle. In der Stadt ist nichts los, alle Geschäfte sind zu, die Stadt ist endlich einmal bis ins Letzte ausgestorben und die Mordgedanken in meinem Kopf suchen mich nur an den Kreuzungen heim. Hier warten die Versprengten, denen man für den Abend Auslauf gegeben hat, die sich endlich aufmachen dürfen von ihren Plätzen und jetzt ein ungenaues Zuhause ansteuern, irgendwelche Wohnungen, in denen irgendwelche Gespräche warten, irgendein Abendessen, Ofengemüse und Linsenbulgur, aha, ja, sehr schmackhaft und danach kommt auch eine DOKUMENTATION im Fernsehen oder aber ein Film in der MEDIATHEK. 

Meine Kraftlosigkeit erschreckt mich, schon im Büro, als ich die Zeit für alles Mögliche habe. Aber ich verliere den Mut und habe plötzlich keine Lust an ein weiteres Buch zu denken. Zweifel, wie es weitergehen wird, denn ich glaube jetzt fest an den Untergang des ersten Romans gleich nach Erscheinen und denke sofort an den zweiten, fast fertigen Roman, den ich auch wieder schicken muss in dieses Nichts aus Agenturen und Verlagen. Das alles ödet mich so unwahrscheinlich an, ich kann es kaum in Worte fassen. Ist das jetzt mein Leben, die ganze Zeit Büro und ab und zu ein Buch irgendwie rumschicken und weiterknirpsen durch die ablaufende Zeit, niemals mit Gewissheit, ob man irgendwo ankommen wird, niemals Gewissheit nirgends? Kacke!

Vor den Fenstern des Abteils rauscht die dunkle Erde vorbei, Mauerwerk, vom Zuglicht angestrahlt, dahinter die versteckten Straßen, Lampenlicht im Himmel wie riesige, glühende Insekten und im Rücken der Insekten ein LANDSTRICH, LANDSCHAFT, unheimlich und wesenlos wie ein tieftönendes Geräusch. Die Sterne sind ohnehin nicht mehr zu sehen, das Blau herrscht wie ein Wildwuchs, ein Dunkelmeeresblau und die Scheinwerfer der versprengten Fahrzeuge fliehen durch diese unwahrscheinliche Schale aus Düsternis und Nacht und Tagesschluss, eine wirklich wahnsinnige Einrichtung, ein echtes Schauspiel. Der Zug beschleunigt, ich habe kein Buch mehr dabei, denn das Große Heft von Kristof habe ich heute im Büro ausgelesen mit den Füßen auf dem Schreibtisch. Irgendein Rezensentenidiot schreibt, in dieser kargen (was für ein Wort, karg! Idioten) Sprache Kristofs steckte am Ende doch immer unausgesprochen die Liebe. Schlimmer kann man nicht fehl gehen, denke ich, für Kristof existiert die Liebe nur auf der anderen Seite, die man längst hinter sich gelassen hat, eingehüllt in alles Unberührte, das sich mit dem Auftritt der Wirklichkeit und ihrer Unmenschlichkeit verlor. Auch Kristofs Sprache kommt mir so vor. Das ist eine Sprache, die alles gesehen hat, der nichts erspart geblieben ist und die sich deshalb bis kurz vor jenen Punkt zurückziehen muss, an dem das Schweigen definitiv und unverrückbar beginnt, an dem dich das Grauen der Welt endgültig schluckt.