9. Januar

Ich arbeite an AK, muss zwei neue Kapitel schreiben und vieles überarbeiten. Als ich mit dem Schreiben beginne, taucht sofort der Gedanke FREIHEIT in mir auf, echte, ungetrübte Freiheit. Ich schaue aus dem Fenster in den Hinterhof. Es ist kalt (-1 Grad), dafür aber sonnig. Die Sonne liegt auf den Fassaden als ein gelber, weicher Film, Leute rühren sich auf Balkonen, die meisten rauchen zu kleinen Schornsteinen mutiert, Kleinstfabriken hier in Mannheim, es ist 2021, ein neues Jahr und die Amerikaner stürmen ihr Kapitol. Auch MF DOOM ist gestorben und das schon vor zwei ganzen Monaten. Ich setzte Kathrin wieder meine Theorie auseinander, dass die USA nun endgültig der hauseigenen Definition des failed states entsprechen und rede mich in Rage, obwohl mich das eigentlich überhaupt nicht interessiert. Ich selbst lebe ja in einem permanenten failed state, also einem Falschzustand, der sich vor der Folie des richtigen Zustands, des so-muss-das-Leben-sein-Zustands wie eine ganze irre Psychiatriegeschichte ausnimmt. Die einzige Möglichkeit, den Falschzustand in ein Richtig zu verwandeln, scheint mir das Nachvorn. Weitermachen, weiterschreiben. Eine andere Möglichkeit habe ich nicht, zumindest fällt mir nix anderes ein.

Das Licht zieht über die Fassade und es ist klar, dass dieses Licht am Ende doch verschwinden wird. Es pulsiert auch, wird heller, dann ein wenig schwächer, obwohl keine Wolken am Himmel sind. Man sieht die Wolken nicht, die im Hintergrund vielleicht eine Rolle spielen, doch jetzt, in diesem Augenblick, liegt das Licht so unbekümmert auf den Häusern, dass die Schönheit auftaucht, eine ungezwungene, versteckte Schönheit. Nur eine Ruhe ist in mir, vielleicht sogar das Glück. Wie oft habe ich auf ähnlich beleuchtete Häuser geschaut in meinem Leben, wie viele Stunden am Stück? Und immer waren hinter den Fassaden Menschen, die sich in Küchen zu schaffen machten oder im Schlafzimmer, Menschen bei der Arbeit, beim Frühstück, bei der Liebe, beim Streit. Kinder, alleine in ihren Zimmern, mit einer Zeichnung oder einem Spielzeug beschäftigt, Alte vor dem Fernseher, taub, die Lautstärke schmerzhaft aufgedreht. Und das alles seit Jahrhunderten, von der Technik einmal abgesehen. Überall spiegelt sich am Ende zweifelhaft die Welt und wir leben irgendwie in dieser Welt und machen dies und das und am Ende etwas anderes. Merkwürdig.