Pad Thai, Büro, 5. März

Am späten Nachmittag schleppt mich K zum Einkaufen hinaus. Sie will am Abend Pad Thai kochen und muss dafür in einen asiatischen Supermarkt. Ich habe nichts dagegen, ziehe mir meine dicke Jacke über (gestern Nacht hat es sich merklich abgekühlt) und dann nehmen wir die Brücke, laufen am Fluss entlang und biegen kurz vor dem katholischen Krankenhaus nach rechts in Richtung Innenstadt.

Unterwegs stoßen wir auf ein paar Krähen, die sich mitten auf dem Weg ziemlich rowdyhaft prügeln. Es fliegen zwar keine Federn, aber das Geschrei ist groß. Ich möchte K gegenüber eine scharfsinnige Bemerkung machen, allerdings fällt mir auf die Schnelle nichts ein und so laufen wir an den ineinander verkeilten Krähen vorbei. Die rühren sich nicht vom Fleck, sind völlig auf ihren Kampf konzentriert, dessen Gegenstand, wie ich annehme, die Vorherrschaft über die Uferpromenade ist. Ich erinnere mich an C und eine Aufnahme, die er vor elf oder mehr Jahren unter dem Alias Krähe verspeist toten Igel veröffentlicht hat.

Hinter mir liegen drei Tage Büroarbeit. Ich beklage mich viel zu häufig über das Büro, denke ich unterwegs, aber auf irgendeine Weise muss ich mir Luft verschaffen. Wer nie in einem Büro gearbeitet hat, noch dazu im Büro einer Kultureinrichtung, weiß nicht, wovon er spricht. Jeder glaubt, in einer eigenen, alles Maß sprengenden Tragödie zu stecken, doch die wahre Tragödie, das ist sicher, steckt in der Kultur und besonders dort, wo sie verwaltet wird.

Das Büro ist mein Kreuzweg, sage ich mir.

Auch wenn mir das Maß des Religiösen gänzlich abgeht, verstehe ich doch die Verbindlichkeit der Passion. Und das Büro ist meine Passion, die Folter, die mir irrsinnigerweise am ehesten entspricht. Davon wussten auch Kafka und Walser und Genazino. Pessoa und Melville. All die schreibenden Büroangestellten. Ich wünschte, ich könnte Bartlebys I’d rather not to an die Wände meiner Zelle malen und jedem verfluchten Telefonidioten ins Gesicht, ich wünschte, die Verweigerung könnte offen ins Feld getragen werden.

Und vielleicht ist das sogar möglich. Vielleicht fehlt mir einfach nur der Mut. Das wäre auch ein Lebensthema, der Mangel an Mut.

In Leipzig stieß ich auf dem Zentralfriedhof vor Jahren auf einen Grabstein, auf den sich der Tote ein eigens verfasstes Epitaph hatte meißeln lassen. Es endete ungefähr so: Was für ein Wahn, dass ich nicht dreimal mutiger gewesen bin. Bis heute hat diese Zeile ihre Gültigkeit behalten. 

Im Büro verbringe ich Stunden mit Erklärungen, der Arbeit an Listen und Übersichten, ich bereite zahllose Abläufe vor, während mich das Vorzimmer der Direktion unablässig zu erreichen versucht. In einer Telefonkonferenz, in der ich seit Jahrzehnten am Museum angestellten Kollegen erkläre, was eine museale Sammlung ist und was nicht („eure Reinigungsmaschinen stehen zwar im Depot, sind aber keine Sammlungsobjekte“), explodiere ich fast, als im Minutentakt die Anrufversuche aus dem Vorzimmer einlaufen. Eine kurzer Hinweis leuchtet dann auf meinem Bildschirm auf, der neueste Schrei der städtischen IT. Doch wer nach drei Versuchen und besetzter Leitung nicht begreift, eine Mail sei das adäquate Mittel der Verständigung, ist einfach hoffnungslos verloren und wird von meiner alttestamentarischen Verachtung gestraft. Für so etwas habe ich wirklich nichts mehr übrig, da versteinere ich und werde superaggressiv.

Gegen Mittag rufe ich die Museumsleitung zurück. Sie übermittelt neue Aufträge, das meiste davon habe ich längst bedacht und erledigt, lasse mir aber nichts anmerken. Sie kann es nicht leiden, wenn andere ein Lösungsvermögen erkennen lassen, das sie selbst nicht besitzt. Und sie hat ein großes Problem mit Kollegen, die in bestimmten Bereichen erfolgreicher sind als sie, die womöglich mehr Erfahrung haben, vielleicht sogar mit einer Ausstellung oder einer Publikation brillieren. So etwas macht sie rasend. Auch schiebt sie gern alles auf die lange Bank, zögert eine Entscheidung bis zum letzten Augenblick hinaus. Doch die Notwendigkeit dieser Entscheidung löst sich natürlich nicht auf, sie kehrt ein paar Tage oder Wochen später verschärft zurück und dann muss in Windeseile, oft binnen Stunden gehandelt werden. Unter diesem zeitlichen Druck spielt sich alles ab und natürlich fallen auch die Ergebnisse entsprechend aus.

Jeder im Museum entwickelt andere Strategien, um sich zu schützen. Denn darum geht es in der Welt der Arbeit, denke ich, es geht um Selbstschutz, den Versuch, sich am Ende und trotz allen Widerstands zu behaupten. Das ist der Kampf, auch wenn Kampf womöglich ein zu großes Wort ist. Wir tragen den Kampf nicht mehr offen aus. Der Kampf ist in uns verschwunden und führt dort sein Unwesen und Eigenleben. 

Ich habe die innere und äußere Kündigung kennengelernt, die sich analog zur inneren und äußeren Emigration denken lässt. Die meisten meiner Kollegen haben innerlich mit der Einrichtung abgeschlossen. Sie bewegen sich in einer Grauzone, die man Dienst nach Vorschrift nennen kann und erinnern mich an russische Romane aus dem neunzehnten Jahrhundert. Dostojewski, Gontscharow, Turgenjew, Gogol. Dort finden sich ähnliche Amtsschimmel, die Punkt fünf am Nachmittag den Stift aus der Hand fallen lassen, die sich gegen jeden Mehraufwand mit der aufbrausenden Kraft eines fettleibigen Obristen wehren. Dann gibt es die Jungen, zweifellos Engagierten, zu denen ich mich manchmal zähle. Sie glauben noch an Möglichkeiten, an Veränderung, leisten mehr, als sie müssten und rennen gegen Wände an. Jede Zurücksetzung, sei es durch die Labyrinthe der Bürokratie oder die Unberechenbarkeit der Direktion, knabbert an ihnen. Nach etwa einem Jahr (ein Jahr, das ist die Halbwertszeit des Engagements) lassen sich die Spuren der einsetzenden Resignation unmissverständlich von den Gesichtern ablesen. 

Was mich betrifft, ist die Selbstverleugnung die eigentliche Folter. Das Büro setzt einen ganzen Katalog befremdlichen Verhaltens voraus, ein Glossar zweifelhafter Ausdrücke und Gesten, die bei genauerer Betrachtung wenn nicht an Wahnsinn, so doch an Verstellung und Verschlagenheit grenzen. Niemand sagt natürlich, was er denkt. Jeder taktiert, bringt sich in Stellung. Das Ganze besitzt etwas zweifellos Militärisches, kommt einer Arbeit an Schlachtplänen gleich, die das Plausible gegen die irrationale Gegenwehr der Museumsleitung durchzusetzen versuchen. Da kein Raum für das offene, unverstellte Wort existiert, verwandelt man sich mit den Jahren in einen Knecht, entwickelt Ressentiment und Sklavenmoral, wie das Nietzsche ja ziemlich hellsichtig erkannt hat und Nietzsche war als Professor schließlich auch eine Art Verwaltungsangestellter. Es gibt Momente, in denen ich mich hasse für das Appeasement meiner Worte, die meinen Gegenüber möglichst behutsam zu einer Einsicht bringen sollen, die der Sache und nicht der Eigenliebe dient. Dabei stehe ich kurz vor der Explosion. Doch ich verbiege mich und werfe mir das später auf der Heimreise doppelt vor. 

Ich müsste einen kühleren Kopf bewahren, sage ich mir im Abteil. Ich müsste verschwinden, mich zum wiederholten Mal auf und davon machen. Schließlich sind es nur drei Tage Arbeit in der Woche. Wer kann sich da schon beschweren? Doch diese drei Tage, sie fühlen sich wie Monate an, als verlangsame der Stumpfsinn neben allem anderen auch die Zeit. Am Abend kehre ich völlig zerschlagen heim und versuche K gegenüber zu berichten, womit ich meinen Tag verbracht habe. Was ist da eigentlich passiert? Tatsächlich hat sich kaum etwas getan. Wir sind kein Stück voran gekommen, haben aber viel miteinander gesprochen. Wir haben Verständnis signalisiert, die Notwendigkeit einer Handlung. Es gibt viele Probleme. Wahrscheinlich gibt es Lösungen. Was machen wir, wenn die Museen plötzlich wieder öffnen? Es gäbe da einige Optionen, ja, es gäbe sicher ein Möglichkeit.

Jetzt laufen K und ich durch die letzte Märzkälte. In etwa vierzehn Tagen soll der Frühling endlich beginnen. Auf der Parkwiese stehen Schneeglöckchen, die immer ein wenig traurig mit ihren gesenkten Köpfen wirken und dazwischen entdecke ich Inseln violetter Krokusse. 

Ich müsste alles hinwerfen, geht es mir wieder durch den Kopf. Aber das Geld, sage ich mir sofort, was machst du, um an etwas Geld zu kommen. Mein ganzes Arbeitsleben habe ich im Museum verbracht. Von außen mag es sogar ziemlich aufregend aussehen, aber es ist nicht meins, ich bin in diese Geschichte, wie in so vieles andere auch, ganz ahnungslos hineingerutscht. Die Dinge haben sich ohne meine Zustimmung entwickelt, sage ich mir. Vielleicht ist das die Entfremdung, von der jedes Leben am Ende gezeichnet wird. Und während man diese Entwicklung bedenkt und zu überschauen versucht, vergehen sieben Jahre und man überlegt noch immer, wie es weitergehen kann. Wie es besser wird. Wo der Ausweg liegt.

K gibt mir im Supermarkt den Auftrag, nach getrockneten Shrimps zu suchen. Ich irre ziemlich orientierungslos durch die Gänge und versuche die fremden Alphabete zu entziffern. Ich stoße auf zerkleinerten und mit Chiliflocken gemischten Fisch, auf Einkilopakete mit Röstzwiebeln, auf Sachen, die ich überhaupt nicht zuordnen kann. Doch die getrockneten Shrimps finde ich natürlich nicht. K fragt einen netten Mann, der uns aushilft und sofort in die richtige Abteilung des Ladens führt. Ich bin ihm unendlich dankbar, fühle so etwas wie eine tiefe Verbundenheit mit diesem älteren Herrn, der in einem fremden Land lebt, uns versteht, sehr gut Deutsch spricht. Sofort möchte ich ihm meine Hilfe anbieten und als Kassenkraft im Supermarkt beginnen.

Später packe ich noch eine Riesenladung Tempeh in den Korb, den esse ich manchmal ganz gern. K schaut mich prüfend an. Ob ich das Ding, das wie ein abgepackter flacher Stollen aussieht, auch wirklich komplett schaffen würde. Selbstverständlich, sage ich, das ist ja wohl die Höhe. Als würde ich so eine fermentierte Sojaspielerei nicht im Handumdrehen vernichten können.

Jetzt sitze ich an meinen Schreibtisch. Der Kopf meiner Stehlampe ist auf die Wand gerichtet. Seit Jahren versuche ich K beizubringen, dass indirektes Licht das wahre Licht in einer Wohnung ist. Die Deckenleuchten kann man ignorieren, auch das habe ich von C in Berlin gelernt. Aber K will mir einfach nicht glauben, obwohl sie mehrfach, auch gegenüber der eigenen Familie, betonte, ich besäße ein gewisses Auge für die Einrichtung unserer Zimmer. 

Ich schreibe noch ein wenig. Das ist meine eigentliche Arbeit, denke ich. Ich pendle von einer Arbeit, die nicht meine eigentliche Arbeit ist und nur dazu dient, die Miete zu bezahlen und die Einkäufe, zu meiner eigentlichen Arbeit, die für alles andere existiert, für das tatsächliche Leben. Zwischen diesen beiden Arbeiten erfolgt der Wechsel, aber diesen Wechsel auszuhalten, ist keine Kleinigkeit. Manchmal scheint es mir die eigentliche Leistung zu sein, die Arbeit an sich. Aber jetzt ruft K und das Pad Thai ist fertig. Ich schalte die silberne Stehlampe aus und klappe den Rechner zu.

Halt auf halber Strecke, 3. März

Seit Jahren, seit ich achtzehn bin, mein Traum, auf halber Strecke auszusteigen, in einem völlig verkehrten und fremden Ort. Einem Ort, der nicht das Ziel meiner Reise ist, es zumindest nicht am Anfang war. Ich lasse mich vom Klang der Ortsnamen und Haltestellen leiten und von einem untergründigen Gefühl. Jetzt ist es Zeit. Der Zug fährt ein und du stehst auf, gehst durch den Gang. Die Leute merken dir nichts an, für sie sieht alles danach aus, als seist du tatsächlich am Ende deiner Reise angelangt, was ganz natürlich ist. Doch du spürst mit einer Gewissheit, die es sonst kaum für dich gibt, dass etwas Ungehöriges geschieht, etwas Unerhörtes sogar, das dich bislang zurückschrecken ließ, vor dem du dich gefürchtet hast.

Ein vorzeitiges Aussteigen, denkst du dann, macht ja mit allem Schluss, zieht alles in Zweifel. Den Sinn der Reise, den Sinn einer Ankunft, den Sinn eines vorherbestimmten Ziels. Im vorzeitigen Ausstieg liegt die Freiheit. Vielleicht findet sie sich nirgendwo so klar wie hier. Und vielleicht zieht sie dich aus diesem Grund auch derart an, denn die meiste Zeit über hast du das Gefühl, nur für das Offensichtliche gemacht zu sein.

Doch nicht nur die Nähe und Möglichkeit der Freiheit ziehen dich an, während draußen vor dem Zug die Landschaft ins Dunkle rollt, auch der Übertritt lockt mit seinen ganz eigenen Versprechen. Das Überschreiten des Alltäglichen, des Nützlichen, dessen, was man abzuleisten hat. Den Weg zur Arbeit. Den Weg zurück. Die eingebrannten, zur zweiten Haut gewordenen Fahrpläne. Weinberge, Felder, Übergänge und Kreuzungen, der Fluss auf der einen Seite der Gleise, die Hänge auf der anderen. Drei Tunnel tauchen nach Verlassen des ersten Bahnhofs in kurzen Abständen auf. Sie sind nicht besonders lang, die Dunkelheit fällt über den Zug und erscheint bei der Einfahrt doch fast schon geläutert, von etwas Helligkeit durchsetzt. Später erreichst du die Außenbezirke und schließlich die zweite Stadt in langem Schwung. Der Zug fährt auf eine Art Rampe, dann eine Brücke, die sich weit nach Westen zu einer sanften Kurve steigert und dann kommen die anderen Bahnhöfe in schneller Folge. Sie gehören bereits zur zweiten Stadt.

Die Rhythmen der Fahrt sind dir derart vertraut, dass du den Verlauf deiner Reise von einem Baum in der Nähe der Trasse ablesen kannst, von der Staffelung der Felder, die im Vorbeifahren ihre Farbe wechseln. Von Braun nach Schwarz, als schlügen dort in einem genau berechneten Muster sehr eng gepflanzte Ähren in ihre Schattenseite um, was dich an einen Pullover aus Samt erinnert oder Velours. Streicht man die Fasern in die eine Richtung, bricht sich das Licht auf eine bestimmte Weise, die es beim Strich in die andere Richtung nicht besitzt. Dunkel und hell, zwischen diesen ewigen Polen liegen auch die Felder draußen. Manchmal wirkt es so, als staffelten sie sich grenzenlos bis an den Horizont.

All das ist dir vertraut und du bemerkst es deshalb nicht. Du registrierst stattdessen die fremden, seltsam schmucklosen Bahnhöfe, an denen der Zug hin und wieder hält. Dort draußen erwartet dich nichts. Nichts Verheißungsvolles zumindest, das in die Augen sticht. Und dennoch tickt der Gedanke in dir, gerade im Schmucklosen fände sich Rettung, du müsstest nur aufstehen, um den Kreis zu durchbrechen und deiner Reise eine andere Wendung zu verleihen.

Selbst das dumme Wörtchen Abenteuer stellt sich ein. So beginnt ja ein Abenteuer, es beginnt mit dem Unvorhergesehenen, mit einem Ereignis, das aus dem Lauf des Alltäglichen fällt. Also aufstehen, den Rucksack packen, ihn über die Schultern werfen, bereits mit klopfendem Herzen und dann in Richtung Tür, die Tür des Abteils, die sich automatisch und als untrügliches Zeichen vor dir öffnet und dann weiter zu den schwereren Türen des Zugs, die bereits offen stehen, hinter denen der unbekannte, falsche und doch richtige Bahnhof liegt und dann hinaus (in Gedanken) mit dir, die Füße zuerst, die Schuhe, die plötzlich Wanderschuhe sind und ewig halten werden, die Jacke, die nicht die deine ist und doch gegen jedes Wetter schützt, eine Mütze auf dem Kopf, die du vor einer halben Stunde nicht besessen hast und dann betrittst du endlich das Pflaster, Endlich!, sagt es in dir, so ein Dreck, das hätte ich schon vor Jahren tun sollen, diesen Schritt hinaus auf den fremden Bahnsteig, und als du dich ein letztes Mal wie zur Verabschiedung umdrehst, siehst du den sich bereits entfernenden Zug und entdeckst die Gesichter der Leute hinter den spiegelnden Scheiben. Sie alle rufen dir etwas zu, sie rufen und winken mit weißen Taschentüchern wie in den alten Filmen und du verstehst mit einem Mal, weshalb sie so euphorisch sind. Sie freuen sich für dich, für einen der ihren, einer, der es endlich hinaus geschafft hat, auch wenn er ein wenig idiotisch wirkt mit seinen neuen Klamotten, verlassen auf diesem ganz irrealen Bahnhof, der natürlich auf keinem Streckenplan verzeichnet ist.

Montag, 1. März

Vor etwa einem Jahr habe ich mir drei gerahmte Kunstdrucke von David Hockney gekauft. Ich weiß nicht mehr, wie ich plötzlich auf diesen Gedanken kam, aber eines Morgens, ich saß bereits an meinem Rechner, konnte ich an nichts anderes als die Landschaften von David Hockney denken. 

Es war kein Problem, eine Seite im Netz zu finden, die das Rahmen eigener Fotos anbot und zu meiner Überraschung kostete das Ganze nicht viel. Eine halbe Stunde lang suchte ich nach hochauflösenden Abbildungen von Hockneys Landschaften und wurde sehr schnell fündig, denn David Hockney ist ein Superstar, selbst Menschen, die sich für Kunst nicht interessieren, kennen ihn und seine Malereien. 

In Hockneys Gemälden lebt sich die Farbe aus und das zieht die meisten und wohl auch mich sehr an. Ich wählte ein Bild im Querformat, es zeigt einen englischen Park im Herbst, eine Herbstlandschaft, wenn man so will. Direkt im Zentrum des Bildes verläuft ein gerader Weg in den Hintergrund. Man sieht ein wenig stählernes Blau, vielleicht deutet dieses Blau auf einen Kiesweg oder auf Steinplatten hin, wobei es vom Rot und Orange des herabgefallenen Laubes fast vollständig bedeckt wird, das in ausladenden Flächen den Großteil des Bildraums dominiert. Hohe Bäume rahmen den Weg, sie wachsen im linken und rechten Drittel des Gemäldes nach oben in den ebenfalls graublauen Himmel. 

Die Borke der Bäume ist grün, violett, gelb, orange und malvenfarben. Das Laub auf dem Boden des Parks wirkt wie ein warmer, flüssiger Teppich. Lange Schatten durchschneiden das intensive Orange und Rot dieses Teppichs, die Sonne steht also bereits tief, der Tag geht zu Ende.

Die beiden anderen Gemälde zeigen ein Interieur sowie den Ausschnitt einer tropischen Veranda. Ich habe mir das Bild der Veranda in einem kleineren Format bestellt, natürlich passepartouriert mit einem hellen, weißen Karton und einem schwarzen Kunststoffrahmen versehen. Das Parkbild besitzt einen Holzrahmen, ich glaube aus Birke oder einem anderen weniger wertvollen Holz. Ich werde die Hierarchie der Bäume niemals verstehen, auch wenn ich natürlich begreife, dass sich verschiedene Hölzer für verschiedene Zwecke mehr oder minder gut eignen. Es gibt teures Holz, das selten ist und langsam wächst und es gibt zügig wachsende, weniger wertvolle Bäume wie die Birke.

Aber die Birke, denke ich, was ist das für ein wunderschöner Baum. Ich kann Russland gut verstehen und die Birkenmanie der russischen Menschen. Lebte ich in einem Haus und läge vor oder hinter diesem Haus ein Garten, ich würde sofort eine Birke pflanzen. Selbst der lateinische Name der Birke wirkt wunderbar. Betula. Das klingt wie ein nordischer Zauberspruch und kommt das Weiß noch hinzu, falle ich richtig hinein in die Magie. Betula alba.

Hockneys Interieur hängt in unserem Schlafzimmer zwischen dem weißen Kleiderschrank und der grünen Kommode. Es zeigt eine ältere blonde Frau in einem rosafarbenen Kleid. Sie steht vor einem modernistischen Bau, alles wirkt ausgesprochen funktional, klare Linien beherrschen die Komposition. Das Gebäude besitzt nur eine Etage und ist von ausladenden Glasflächen geprägt, so dass das Innere des Hauses eigentlich im Außen liegt. Die Frau steht im Profil und blickt zum linken Bildrand. Sie wirkt sehr allein inmitten der aufgeräumten Architektur, in der jedes Möbelstück seinen exakt zugewiesenen Platz besitzt. Der Liegestuhl etwa, der mit einem gemusterten zebraähnlichen Stoff bespannt ist, aber wie das Exponat eines Museums wirkt. Unbenutzbar. Unberührbar eigentlich, als wäre es nicht für einen Menschen gemacht.

Von allen drei Kunstdrucken gefällt mir der Herbstpark am besten. Er hängt über unserem Küchentisch und manchmal stehe ich grundlos im Raum, um auf die preiswerte Kopie von Hockneys Gemälde zu starren. Ist das ein hoffnungsvolles Bild? Ich bin mir nicht sicher. Es strahlt eine ganz merkwürdige Ruhe aus, eine Ruhe, wie sie vielleicht nur eine Herbstlandschaft besitzen kann. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.

Ich stelle mir vor, mich in das rote Laub zurückzuziehen. Das Laub besitzt keinen Geruch. Nur die Nässe ist da und unter mir löst sich plötzlich die Erde auf. Das Laub allerdings hält stand, ich weiß, dass es meterhoch ist, rot und orange, leuchtend, warm, wie eine Milliarde glitzernde Schuppen. Das Laub, das nicht von den Bäumen stammt, sondern aus dem Nichts, das sich bildet, als wäre es ein eigener Organismus und kein Anhängsel der Buchen, denn ich nehme an, Hockney habe hier Buchen gemalt, vielleicht aber auch Eschen. 

Ich möchte mich mit diesen Farben bedecken, bis nur noch mein Kopf herausschaut aus dem Laub und dann sehe ich in Richtung Himmel. Mein Körper ist warm, wird von den Blättern geschützt, ich höre das Pfeifen unbekannter Vögel, das Rascheln der Tiere, die nichts von mir wissen und warte auf das, was sich zwangsläufig ereignen muss. Ich warte auf den Wechsel des Wetters, auf das Vergehen der Zeit, das Verstreichen der Jahre. Ich warte auf den ersten Schnee und auf den eisigen Regen, der ihn ankündigen wird. Ich warte auf das schwächer werdende Licht, auf die kalten Nächte, auf die Rückkehr des Frühlings und die vielen Knospen, die auf den Zweigen wachsen, bis sie endlich platzen und sich das Grün entrollt. Ich warte. Ich warte allein in meiner Höhle aus Laub. Und die Buchen und Birken und Eschen in meiner Nähe sehen mir unbeeindruckt zu.

28. Februar

Drei Kinder sind im Haus und verhalten sich auffällig still. Normalerweise hetzen Kinder in diesem Alter durch die Wohnung, die gerade sonnendurchflutet ist und ihr Geschrei übertönt alles, selbst die eigenen Gedanken. Jetzt aber sind die Kinder ruhig und sitzen, wie ich von meiner Bank am Küchentisch aus annehme, im angrenzenden Wohnzimmer (das hellste Zimmer des Hauses), um irgendein sicher sehr ernstes Spiel zu spielen. Ich kenne keine aufgeschlosseneren Kinder als diese hier, sie sind K und mir gegenüber anfangs immer etwas zurückhaltend, aber ihre Schüchternheit ist eine kindliche Schüchternheit, etwas ganz Natürliches und nicht eine solche übermäßige Angst, wie ich sie damals fühlte. Die Kinder strahlen außerdem eine einnehmende Grundentspanntheit aus. Das sind Sonntagskinder, sage ich mir, auch wenn keines der drei an einem Sonntag geboren sein mag, dennoch aber besitzen sie eine innere Ruhe, mit der sie der Welt begegnen, ein merkwürdiges Vertrauen, das ich bewundere, weil es mir so unendlich fremd ist. Die Kinder erinnern mich auch an die Söhne von C. Dasselbe In-der-Welt-sein. Man spürt die Abwesenheit jeder Verunsicherung und die Freude an den kleinsten, weil unerschöpflichen Ereignissen. Später fragen die beiden älteren Kinder, warum K und ich mit dem Zug fahren müssen und nennen dabei unsere Namen. Das Mädchen habe ich erst einmal gesehen, den Jungen schon etwas häufiger, aber meinen Namen von ihnen zu hören (sie sagen ihn schüchtern, denn es bleibt ein seltener, fremder Name), berührt mich merkwürdigerweise sehr. Jahrzehntelang bin ich mit der Grundüberzeugung durch die Welt gegangen, kein anderer könne sich an diesen Namen erinnern und hatte deshalb insgeheim stets die Zweitvorstellung parat. Mein Name ist Thomas, wir haben uns da und da einmal kennengelernt. Kannst du dich zufällig daran erinnern?

Ich sehe durch das Küchenfenster nach draußen. Wir befinden uns in einer gesichtslosen Wohnsiedlung voller Mehrfamilienhäuser. Die Sonne steht in einem ungetrübten Blau, durch das sich nicht einmal die Flugzeuge in dieser Stunde bewegen und ich beobachte das oberste Stockwerk des gegenüberliegenden Gebäudes. Die Fenster dieser Etage besitzen eine eigenartige Textur, die Glasfläche wirkt gewellt, zerfurcht, von Dellen überzogen, als hätte man die Scheibe mit einem kleinen Hammer bearbeitet und das alles hat zur Folge, dass sich das Innere der Wohnung nicht erkennen lässt. Ich sehe zum Himmel, dann wieder zum Fenster, ich sehe

Blau

Glas

Blau

das Glas und dann taucht plötzlich ein Schatten hinter der Scheibe auf. Es ist nur die Andeutung eines Menschen und diese Andeutung zieht sich sofort in die Dunkelheit zurück. Eigentlich ist dort überhaupt kein Mensch gewesen, auch wenn die Silhouette natürlich auf einen Menschen deutete, auf eine Frau. Doch das Leben hinter dem Fenster gewann keine Schärfe, die äußere Gestalt blieb unglaubhaft und formlos und mit einem Mal bin ich mir sicher, auch die innere Gestalt, das innere Leben, müsse auf die gleiche Weise unglaubhaft und formlos bleiben. Mein Beobachten bedingt plötzlich das Leben und dieses Leben hinter dem Glas ist nichts weiter als eine Metapher. Tatsächlich war dort ein Körper, aber dieser Körper bleibt für immer unsichtbar, er ist unsichtbar für mich, verhüllt wie ein Gebirgszug bei starkem Regen oder eine Landschaft, die unter Nebeln liegt.

Später fährt uns K im Auto zurück. Ich lehne mich tief im Sitz nach hinten, kippe die Lehne noch weiter an und liege nun halb unter der Windschutzscheibe. Das warme Licht fällt auf mein Kinn, sackt durch die Haut und das Fleisch, trifft auf den Kieferknochen. Die Wärme ist so intensiv, dass ich sie in meinem Schädelgerüst fühlen kann. Wir halten an einer Ampel. Draußen ist alles voller Spaziergänger. Viele laufen mit verbissenen Gesichtern durch das Licht, als absolvierten sie eine weitere, unliebsame Aufgabe. Diese Leute, denke ich, als die Ampel auf Grün schaltet und K Gas gibt, sind nicht wirklich da, sie existieren ebenso wenig wie der Körper hinter dem Glas. Und sollten sie dennoch existieren, was mir allerdings nicht nur unwahrscheinlich, sondern wie ein dummer Scherz erscheint, dann stammen sie aus einer anderen Zeit, aus einer längst vergangenen Epoche, sie stammen nicht aus diesem Tag. Nichts, denke ich, stammt heute aus diesem hellen, sicher viel zu schönen Tag.

26. Februar

Die erleuchteten Wohnungen im Hinterhof wirken jetzt am Abend wie eine Szene aus dem Dekalog von Kieslowski, lauter helle Kästen, in denen sich Leute bewegen und ein fremdes Leben führen. Die Linien dieser Leben scheinen mir für einen kurzen Augenblick vertraut und meinem eigenen ähnlich, doch sobald ich etwas länger hinsehe, kehrt die Fremdheit zurück. Überall flimmern Fernseher als riesige Flechten an den Wänden, im Erdgeschoss wohnt ein Mann, den ich auf Ende Fünfzig schätze und dieser Mann ist immer allein. Meist quert er in einem weißen Feinrippunterhemd seine Wohnung (das Wohnzimmer mündet in eine offene Küche), läuft zum Kühlschrank, öffnet ihn, da ist wieder Licht, diesmal ein helles Leuchtstoffröhrenlicht, er holt etwas hervor, wahrscheinlich etwas zu essen, denke ich, und dann steht er für einige Augenblicke an einem Tresen, der die offene Küche vom restlichen Wohnzimmer zumindest provisorisch trennt und sieht zu seinem gigantischen Bildschirm. In diesem Moment verschwindet er, dort unten steht die Einsamkeit, für sie gibt es kein besseres Bild und während der Mann selbstvergessen auf irgendetwas wartet und nichts tut, läuft über ihm eine Rentnerin hinter den Vorhängen von links nach rechts, ruhelos und durcheinander, als warte sie auf Besuch, auf die Kinder, die sich angemeldet haben und doch nicht kommen werden. 

Gestern spaziere ich am Flussufer entlang, das voller Menschen ist, die Leute fallen regelrecht übereinander her, die Möwen kreisen angriffslustig über unseren Köpfen, Kinder schreien, als wären sie verwundet, Hunde rasen aufeinander zu und überschlagen sich lefzenfetzend im Spiel und auf den Steinstufen sitzt ein Auditorium aus Jugendlichen und Pennern und sieht meinem Spaziergang total unbeeindruckt zu. Äußerlich umgibt sie das Gespenst jener wahnsinnigen Grundlässigkeit, deren Kehrseite von einem Meer aus Unsicherheit, Angst und Verwirrung gebildet wird und aus diesem Meer kommt man nur selbst heraus und das braucht viele Jahre. Einige gehen währenddessen unter, finden sich ab, viele kommen auch nie ganz heraus, alles ist Sumpf, man tauscht Meer gegen Brachland und das Brachland gegen eine Stadt und dort spult man die Versuche ab und manchmal glaubt man, dem Ziel ein wenig näher zu kommen.

Neulich spricht mich am Bahnhof jemand an und bettelt um Geld, aber ich mach da nicht mehr mit, mein Mitleid ist kaum noch vorhanden, hat sich komplett abgenutzt in den letzten zwei oder drei Jahren, ich spende ab und zu für Wikipedia oder irgendeinen anderen schrecklichen Grund und hasse insgeheim die wunderbaren Moralisten, die sich überall bemerkbar machen, um ihre Hilfsleistungen ganz kleinteilig aufzuzählen. Am Ende haben sie ja recht, aber sie sollen mich in Ruhe lassen. Mein Versuch besteht seit längerem darin, den Ausstieg zu schaffen, den Riss im Mauerwerk zu entdecken, durch den ich schlüpfen kann, die lose Holzlatte im scheinbar gut vernagelten Zaun, nur stellt sich das natürlich als nicht ganz so leicht heraus, wie anfangs gedacht. 

Vor Jahren habe ich einmal auf der Fahrt zu meinen Eltern hinter dem Zugfenster einen Mann am Bahnhof gesehen, der mich komplett umgehauen hat. In irgendeinem Provinznest der thüringischen Wüste, in einem wirklich ganz rückständigen und verlassenen Dorf lehnte ein Mittvierziger geduldig an einer Kastanie neben dem zugenagelten Bahnhofsgebäude. Er trug eine Hochwasserhose, neue Vans, war volltätowiert und hatte so etwas Künstlerhaftes an sich, schulterlange und zurückgekämmte Haare, ein kurz geschnittener Bart und das alles passte überhaupt nicht ins Bild dieses kleinkarierten Dorfs, dem man die verbiesterte Engstirnigkeit richtig ansah, der Mann fiel aus allem heraus und blieb ein Rätsel. Wie hatte er sich an diese Stelle verirrt? Warum führte er ausgerechnet ein Leben an diesem Ort? Er musste in dieser Kleinstadt schon äußerlich ein Fremder sein und der Stein des Anstoßes bleiben und er wusste davon, er wusste genau, wofür er mit seinen muskulösen und vor der Brust verschränkten Armen stand. Und dann stieg ein junges Mädchen aus dem Zug und lief ihm entgegen und in diesem Moment hellte sich sein Gesicht in einem Anflug echten Glücks auf und ich war mir sicher, dass ist seine Tochter. 

Als mein Zug kurze Zeit später wieder anfuhr, tauchte in mir der unbestimmte Wunsch auf, dieser Vierzigjährige zu sein, mich in ihn zu verwandeln und der unüberwindbare Abstand zwischen mir und ihm ließ mich in diesem Augenblick damals regelrecht verzweifeln. Es gibt keinen Weg, dachte ich, ihr lebt in anderen Teilen der Wirklichkeit. Doch der Gedanke blieb und ich wiederholte stumm, ich möchte auch so sein, meinetwegen in einem gottverlassenen ostdeutschen Nest leben und den ganzen Tag in einer Scheune verbringen, um scheußliche Malereien zu fabrizieren oder schrecklich einfältige Bücher. Nur wie stelle ich das an? 

Ich sehe das alles noch heute vor mir und frage mich, warum die Halbwertszeit eines solchen Bilds so unwahrscheinlich ist. Warum es auch nach Jahren und Jahrzehnten nicht verschwindet. So viele andere Bilder verschwinden, ohne Spuren und Erinnerung zu hinterlassen und dann sind dort Szenen, die sich tief eingravieren. Etwas an ihnen reicht hinab, denke ich, diese Bilder sind mit uns verwachsen, sie rühren da an einem wunden Punkt oder auch an einem sehr bedeutungsvollen, an einem Punkt der eigenen Person sozusagen und in diesem Punkt steht man sich plötzlich selbst gegenüber mit allem, was man in sich trägt oder in sich zu tragen glaubt, alle Wünsche, Erwartungen, Versprechen, die jeder besitzt und die jeder auf so leichte, so traurig leichte Weise auch verlieren kann. 

Meine große Lebensangst stammt aus der Erziehung des Herzens. Ganz am Ende des Romans treffen sich die beiden Freunde, der Erzähler, dessen Namen ich vergessen habe und jetzt nicht nachschlagen will und auch sein bester, ebenfalls namenloser Freund (mein Namensgedächtnis ist derart kaputt, dass ich seit längerem an eine neurologische Erkrankung glaube); und diese beiden Freunde breiten voreinander die Erinnerungen aus, bereits in die Jahre gekommen und als alte Männer, sie sprechen über die unwahrscheinlichen Lebenswünsche, die sie einmal hatten oder glaubten zu haben. Nur erinnern sie sich schlecht und können einander auch nicht helfen. Und dann fragen sie sich, was man als Schönstes dieser jungen Jahren behalten hat, welches Ereignis aus der Fülle aller Ereignisse also im Gedächtnis geblieben ist und den wunderbarsten Sehnsuchtsmoment des eigenen Lebens markiert. Und beide kommen zum Schluss, es müsse ein gemeinsamer Bordellbesuch gewesen sein, der, wenn mich nicht alles täuscht, in der erzählten Zeit des Romans überhaupt nicht auftaucht, weil er keinerlei Bedeutung besessen hat, was Flaubert natürlich wusste. Kein Wunder, dass es mit ihm im Rinnstein zu Ende ging und sich keine Sau um ihn kümmerte, so viel Gemeinheit haben die Leute damals einfach nicht ertragen und besonders nicht in einem Dorf wie Rouen (merkwürdigerweise erinnere ich mich an Flauberts Geburts- und Lebensstadt sofort, klasse, ich erinnere die Namen meiner Freunde aus der Schulzeit nicht, aber so was fällt mir gleich wieder ein…). In solche Spiegel mochte damals und auch heute niemand sehen. Und daher meine Lebensangst, man schrumpfe auf eine unbedeutende Winzigkeit zusammen, das eigene Leben böte in der Rückschau nichts als einen Sommertag, ein Treffen mit Freunden im Park, die Zeile eines Buches, an die man sich nur halb erinnert, eine merkwürdig verschwommene Flucht aus Zimmern, Gesichtern, Halbeindrücken.